Deutscher Limes-Radweg - Zeitreise ins Römische Reich

Die Würfel sind gefallen, denn bei der 44. Sitzung des UNESCO-Welterbekomitees, das vom 16. - 31. Juli 2021 im chinesischen Fuzhou tagte, wurden der rund 400 km lange Niedergermanische Limes als auch der westliche Abschnitt des Donaulimes (600 km) für das „Transnationale Welterbe Grenzen des Römischen Reiches“ aufgenommen. Somit gehören nunmehr fünf Abschnitte des früheren römischen Grenzverlaufs zum UNESCO-Welterbe. Neben den beiden genannten Limes-Abschnitten repräsentieren sie mit dem Hadrianswall in England (1987), dem Antoninuswall in Schottland (2008) und dem Obergermanisch-Raetischen Limes in Mittel- und Süddeutschland (2005) das „Transnationale Welterbe“ welches sich nun von den britischen Inseln bis in die Slowakei erstreckt.

Die Redewendung "die Würfel sind gefallen" ist auch heute noch umgangsprachlich geläufig. Der bekannte Ausspruch geht auf Julius Caesar (* 13. Juli 100 v. Chr. in Rom; † 15. März 44 v. Chr.) zurück, als er mit den Worten "alea iacta est" seinen Soldaten die Entscheidung mitteilte den Fluss Rubikon zu überschreiten und damit einen Bürgerkrieg zu entfachen.

Bild: Kastell Abusina (Eining)

In der Zeit der Pandemie zieht es die Menschen in Scharen in die Natur, was natürlich absolut verständlich ist. Der wachsende Naturnutzerdruck führt bisweilen zu überfüllten Radwegen und punktuellen Menschenansammlungen an beliebten Ausflugszielen. Neben populären "Klassiker-Routen" gibt es allerdings auch weniger beachtete Fernradwege, die an beschaulichen Kleinoden vorbeiführen bzw. unberührte Naturschauplätze durchkreuzen und Radlerherzen dementsprechend höher schlagen lassen. Zu solch einem Erlebnisjuwel zählt der Deutsche Limes-Radweg, der dem Grenzverlauf des ehemaligen Römischen Reichs folgt und sich dem „Transnationalen Welterbe Grenzen des Römischen Reiches“ verschrieben hat. Sichtbare wie unsichtbare Zeugnisse (Bodendenkmäler) der römischen Zivilisation in Deutschland üben besonders auf geschichtsbeflissene Menschen eine ungebrochene Faszination aus.

Immerhin umfasst die Geschichte der Römer in Germanien eine Zeitspanne von rund fünfhundert Jahren die 55 v. Chr. seinen Ursprung nahm, als erstmals die Truppen von Gaius Iulius Caesar über den Rhein setzten. Die einstmals von germanischen Stämmen besiedelte Region wurde hauptsächlich im Süden des heutigen Deutschlands römisch kultiviert. Eine Vielzahl archäologischer Funde - angefangen von Pflasterstraßen über herrschaftliche Gutshöfe bis hin zu Städtegründungen - gehen auf diese Epoche zurück. So ist dem Nachfolger von Gaius Julius Caesars - dem ersten römischen Kaiser Augustus (Gaius Octavius 63 v. Chr.–14 n. Chr.) die Gründung von Augusta Treverorum, dem heutigen Trier zu verdanken. Um 15 v. Chr. erfolgte durch seine Stiefsöhne Drusus und Tiberius, den späteren Kaiser „die Unterwerfung der Alpenstämme und die Besetzung des nördlichen Alpenvorlandes“. Im Nordosten der Alpenregion entstand zu dieser Zeit die Provinz Raetia, wo z.B. aus dem angelegten Militärlager Augusta Vindelicum viele Jahre später die Stadt Augsburg hervorging. Um das Jahr 85 n. Chr. errichtete Domitian die Provinzen Germania superior (Sitz des Statthalters war Mogontiacum, das heutige Mainz) und Germania inferior, dessen Hauptstadt Colonia Claudia Ara Agrippinensium, das heutige Köln war. Auch die Entstehungsgeschichte der Welterbestadt Regensburgs basiert auf den Bau eines Kohortenkastells etwa 79 n. Chr. im heutigen Stadtteil Kumpfmühl, worauf einhundert Jahre später die Römer am Regenufer zur Sicherung der Grenze gegen die Germanen das Legionslager <Castra Regina> (6000 Soldaten) errichteten. Letztlich belegen die historischen Fakten, dass schon lange vor Gründung vieler Städte in Deutschland eine Besiedelung vorausging, die auf römischen Wurzeln fußt.  

Bild: Kastell Biriciana (Rekonstruktion) in Weißenburg, Fränkisches Seenland (Mittelfranken).

Ab 120 n. Chr. wurde der etwa 548 Kilometer lange Obergermanisch-Raetische Limes (Trockener Limes) zwischen dem Rhein bei Rheinbrohl und dem Kastell Eining errichtet. Der Grenzwall umfasste etwa 900 Wachtürme sowie 120 größere und kleinere Truppenlager. Nahtlos fügte sich der Donaulimes an - dessen Fluß die natürliche Grenze der Provinzen Noricum und Pannonien gegen Norden bildete (Nasser Limes). So entstanden entlang der Donau bis nach Wien zahlreiche Legionslager. Erst massive kriegerische Aufstände der germanischen Stämme vermochten im 5. Jahrhundert n. Chr. die römische Vormachtsstellung zu beenden, wonach das Weströmische Reich dem Untergang geweiht war. 

Bild: Teilnachbau eines Wachturms in Mönchsroth, Landkreis Ansbach, Mittelfranken.

Der Deutsche Limes-Radweg bietet im wahrsten Sinne des Wortes Geschichte zum Anfassen. So können zahlreiche Museen, Ausstellungen, Limesfeste als auch Rekonstruktionen und Überreste von Kastellen und Wachttürmen besucht und bestaunt werden, um sich mit der antiken Römerzeit hautnah auseinanderzusetzen. Traditionelle Limesfeste vieler Orte zeugen bis in die Gegenwart hinein von einer lebendigen tiefen Verbundenheit mit ihrem geschichtlichen Erbe.

Die Strecke verläuft überwiegend auf Rad- Wald- und Flurbereinigungswegen sowie auf kaum befahrenen Nebenstraßen durch Rheinland-Pfalz, Hessen, Baden-Württemberg, Bayern mitten durch fünf Naturparks hindurch. Der Deutsche Limes-Radweg schlängelt sich entlang des ehemaligen römischen Grenzwalls vom Rhein zur Donau, dessen Flussverlauf den "nassen" Limes markiert. Ständig wechselnde Landschaftseindrücke - gepaart mit Ausgrabungsstätten sowie rekonstruierten Bauten römischer Kultur - pflastern buchstäblich den 970 Kilometer langen Weg. Die Fernradwegroute entlang des UNESCO Weltkulturerbe »Obergermanisch-Raetischer Limes« weist von Rheinbrohl (Rheinland Pfalz) bis zum Kastell Abusina in Eining an der Donau (Bayern) eine Teilstrecke von 762 Kilometer auf, von wo der Themen-Radweg dem UNESCO Weltkulturerbe »Donaulimes« auf einer Länge von 208 Kilometer nach Passau folgt. Über 100 Kommunen, Landkreise, Städte und Tourismusverbände haben sich in vier Bundesländern mit dem Ziel zusammen geschlossen, den Limes als archäologisches Denkmal von welthistorischer Bedeutung ins Bewusstsein einer möglichst breiten Öffentlichkeit zu rücken.

Vor allem geschichtsbegeisterte Radler dürfen sich auf rekonstruierte Limeswachttürme und Kastelle, Schutzbauten über Ruinen römischer Badeanlagen, Befestigungsanlagen mit Wall, Gräben und Palisaden sowie Römermuseen, Ausstellungen und Festivitäten freuen. Der Begriff "Limes" lässt sich aus dem Lateinischen mit „Grenzweg“ bzw. „Schneise“ übersetzen.

Abgesehen von der spannungsgeladenen Historie wird der Routenverlauf auch landschaftlich betrachtet dem Reisemotto "Der Weg ist das Ziel" absolut gerecht. Die reizvolle Naturlandschaft, welche sich vom Rhein über den Westerwald, Hochtaunus, Rheingau-Taunus, die Wetterau, Maintal, Odenwald, Schwäbisch Fränkischer Wald, die Schwäbische Alb, das Romantische Franken, das Fränkische Seenland und dem Naturpark Altmühltal sowie entlang der Donau über den Bayerischen Jura und das Bayerische Golf & Thermenland bis zur Dreiflüssestadt Passau erstreckt, hält die Sinne laufend auf Trab. Hinzu kommen malerische Orte, Burgen und Schlösser die zur Stipvisiste einladen. Wer sich achtsam auf die Spurensuche der Römer begibt und tagelang dem ehemaligen Grenzwall folgt, der wird nicht nur von außergewöhnlich schönen Landstrichen verwöhnt, sondern sammelt zudem reichlich an Erfahrung und Wissen über die römische Kultur & Geschichte. 

In traumhaft schöner Naturkulisse radelt man abseits von Verkehrshektik und Tourismustrubel entspannt dahin und kann nebenbei sein geschichtliches Wissen mit der sportlichen Herausforderung verbinden. Eingebettet in unberührte Landstriche, Waldgebiete und verträumten Dörfern folgt man den historischen Spuren der Römer, und erkundet beeindruckende Zeugnisse dieser Hochkultur. Auch wenn mitunter anspruchsvolle Abschnitte ihren Schweißtribut einfordern, so macht die faszinierende Weltgeschichte jede Anstrengung rasch vergessen.

Die enorme Gesamtdistanz macht zwangsläufig eine Etappenaufteilung nach individuellen Gesichtspunkten erforderlich. Im Falle einer gebührenden Würdigung des geschichtlichen Backgrounds versteht es sich von selbst genügend Zeit einzuplanen. Besichtigungen, Museumbesuche, Erholungspausen - aber auch die Vielzahl informativer Schautafeln - machen eine großzügige Zeitplanung unumgänglich. Mit anderen Worten: das Tagespensum hängt neben der eigenen Leistungsfähigkeit letztlich auch vom kulturellen und geschichtlichen Interesse ab.

Bild: Badegebäude im Kastell "Iciniacum" in Theilenhofen (Gemeinde Pfofeld am Brombachsee) im Fränkischen Seenland in Mittelfranken.

Bild: Kastell Abusina (Eining)

Der Welterbestatus des Niedergermanischen Limes erstreckt sich auf 44 archäologische Fundplätze, darunter Kastelle, Legionslager und der Statthalterpalast in Köln. Im Gegensatz zum Obergermanisch-Raetischen Limes handelte es sich beim Niedergermanischen Limes um eine nasse Grenze: Während der Obergermanisch-Raetische Limes über Land verlief und die Grenze in Form von Wällen, Gräben und Mauern markierte, bildete beim Niedergermanischen Limes der Rhein - zusätzlich gesichert durch Militäranlagen - eine natürliche Grenze, was im übrigen auch für den Donaulimes gilt, dessen westlicher Abschnitt von Deutschland, Österreich und der Slowakei nun ebenfalls den begehrten Welterbestatus trägt. Ingesamt 77 Stätten, darunter militärische, wie auch zivile Spuren römischen Lebens, beispielsweise Bäder und Amphitheater, gehören nun zum Welterbe.

Sowohl am Niedergermanischen als auch am Donaulimes vermitteln Museen anhand beeindruckender Funde ein authentisches Bild vom römischen Leben. In Deutschland zählen hierzu beispielsweise das Römisch-Germanische Museum in Köln, das LVR-RömerMuseum in Xanten (Nordrhein-Westfalen), das LIMESEUM / Römerpark Ruffenhofen (Landkreis Ansbach, Mittelfranken), das Historische Museum in Regensburg (Oberpfalz), das Gäubodenmuseum in Straubing (Niederbayern) sowie das Römermuseum Kastell Boiotro in Passau (Niederbayern).

Auf insgesamt 970 Kilometern - davon 364 Kilometer auf dem Raetischen Limes sowie Donaulimes in Bayern - kann man sich ausgiebig der ereignisreichen Geschichte des Römischen Reiches widmen, zumal bei der Routenführung besonderer Wert auf die unmittelbare Nähe zum Limes gelegt wurde bzw. der Radweg sogar teilweise mit dem Limesverlauf identisch ist. Wird der Abschnitt des "Mainlimes" von Aschaffenburg bis Miltenberg (45 km) und weiter nach Schneeberg (13 km) zur Bundeslandesgrenze Baden Württemberg / Bayern einschließlich der 25 km langen Fortsetzung von Passau zum Donaukraftwerk Jochenstein (Landesgrenze Oberösterreich) hinzu gerechnet, dann summiert sich der gesamtbayerische Anteil des Deutschen Limes-Radweg auf insgesamt 447 Kilometer. 

 Nachdem der Niedergermanische Limes (nasse Grenze von Rheinland-Pfalz bis zur Nordsee) am 27. Juli 2021 zum Weltkulturerbe ernannt wurde, wird aller Voraussicht nach 2022 der Deutsche Limes-Radweg um einen rund 500 Kilometer langen Abschnitt verlängert werden. Der Niedergermanische Limes bezeichnet die ehemalige Grenze zwischen den römischen Provinzen »Germania inferior« und »Germania magna«, der den linksrheinischen Teil des Rheinlands sowie der Niederlande die einst zum Römischen Reich gehörten (römische Provinz Niedergermanien) und von den kaum kontrollierten rechtsrheinischen Gebieten - dem sogenannten freien Germanien - abtrennte. Das Welterbe setzt sich aus 44 Bestandteilen von Rheinland-Pfalz bis ins niederländische Katwijk zusammen und erzählt von der mehr als 400 Jahre andauernden römischen Entwicklung im Norden des einstigen Imperiums.

Gegenwärtig gilt die Tour de Brandenburg (Rundtour) mit 1.111 Kilometer als längster Radweg Deutschlands, während der Deutsche Limes-Radweg (970 km), der Rheinradweg (900 km) und der Elberadweg (840 km) ebenfalls mit zu den längsten Fernradwegen in unserem Land zählen. Sobald der Deutsche Limes-Radweg um den Niedergermanischen Limes ergänzt wird, dehnt sich die Streckenlänge auf etwa 1.500 Kilometer aus. Die gigantische Entfernung von der Nordsee bis zur Österreichischen Landesgrenze ergibt ein unerschöpfliches Erlebnispotential das ohne weiteres mehrere Radurlaube zu füllen vermag. So wie Wanderer den Jakobsweg (spanisch Camino de Santiago) häufig über viele Jahre hinweg sich etappenweise aufteilen, können es ihnen Tourenradfahrer auf dem Deutschen Limes-Radweg gleichtun. Es ist naheliegend dort zu starten wo der geringste Anfahrtsweg zur Limesroute besteht.

Also, worauf warten oder lange über Ziele hin und her grübeln? Rauf auf den Sattel und mit geballter Vorfreude, Elan und Neugierde hinein in die Landschaftsidylle samt unerschöpflichem Geschichtsvergnügen. In der Antike trennte der Obergermanisch-Raetische Limes das Römische Imperium von den „wilden“ Germanen. Heute können Radfahrer hingegen völlig gefahrlos durch sauerstoffreiche Wälder gondeln und dem Limes (aus dem lateinischen übersetzt Grenzwall) sprichwörtlich auf den Grund gehen. Das Erbe der Römer ist bis in die Gegenwart wahrhaft lebendig geblieben, was die Ernennung zum UNESCO-Weltkulturerbe zusätzlichen Vorschub leistet.