Mythos Ötztal-Radmarathon

Bevor am 1. September vis-à-vis der BP Tankstelle in Sölden der markerschütternde Böllerschuß gut 4000 Teilnehmer auf ihre Reise schickt, wird der beliebte Ferienort schon Tage zuvor von tausenden Radsportlern, Freunden und Begleitern aus allen Herren Länder in Beschlag genommen. Es ist jedes Jahr dasselbe Spiel: Ende August mutiert Sölden im Ötztal zum Nabel der (Hobby-) Radsportwelt, was dem Alpendorf einen ansehnlichen ökonomischen Benefit beschert: Demnach generiert die Veranstaltung gut 25 000 Übernachtungen was rund vier Millionen Euro Wertschöpfung in die Kassen spült.

Freunde oder alte Bekannte treffen, lässig über die Dorfstraße bzw. Expo schlendern, Ausflüge in die atemberaubende Bergwelt des Ötztals unternehmen und sich relaxt einstimmen - Sölden bietet mannigfache Möglichkeiten zur aktiven Freizeitgestaltung. Das Rahmenprogramm startet Freitag um 10.00 Uhr mit der Expo-Area „Das Ötztaler Sattelfest“ und der Startpaket-Ausgabe. Um 15.00 Uhr steht das Bergsprint–Einzelzeitfahren „Bike 4 Help“- an. Beim Prolog werden die schnellsten 16 Männer und 4 Damen ermittelt, welche eine Berechtigung für den Startblock 1C erhalten.

Es kommt nicht von ungefähr, dass das populäre Radrennen gemeinhin als Königin aller Radmarathons in Europa gilt und den Status einer inoffiziellen Weltmeisterschaft der Radmarathonfahrer genießt. Ein hochklassiges Starterfeld, das auf einer abgesperrten Strecke - versehen mit Berg- und Karrenzzeiten - gegen die Zeit kämpft offenbart den reinrassigen Renncharakter. Dies ruft hochkarrätige Radmarathon-Asse auf den Plan, deren Leistungswerte fast an das Niveau von Profis heran reichen. So groß die Leistungsbandbreite der Teilnehmer ausfällt eint doch alle dasselbe Ziel: beim ultimativen Kampf gegen den inneren Schweinehund eisern die Oberhand zu behalten. Demzufolge muss man ein "zacher Beißer" sein.

Sich den extremen Anforderungen zu stellen um im Wettstreit seiner Psyche über sich hinaus zu wachsen - dafür ist der berühmt berüchtigte "Ötzi" - wie er gern verniedlichend genannt wird - bestens bekannt. Kühtai, Brenner, Jaufenpass und Timmelsjoch - summa summarum rund 5.400 Höhenmeter - saugen peau à peau Energie, bis der Erschöpfungsgrad besorgniserregende Dimensionen annimmt. Steht die Ausdauerschlacht beim 29 km langen Endgegner Timmelsjoch Spitz auf Knopf, hängt es an der zähen Willenskraft die Kohlen aus dem Feuer zu holen. Der sarkastische Transparentspruch "Ausgeträumt?" mag einem im entscheidenden Schlussakt des Timmelsjoch eher zynisch denn humorvoll vorkommen. Darüber Lachen kann man allenfalls erst hinterher im Ziel. 

Selbst für federleichte Bergflöhe ist der 29 km lange Monsteranstieg mit knapp 1.800 hm ein selektiver Härtetest. Erschweren Regen, Kälte und Wind die ohnehin harten Bedingungen, artet für manche Teilnehmer das Race zum sportlichen Überlebenskampf aus. Wem gar der Fauxpas einer mangelhaften Energieversorgung unterläuft, für den dürfte ein Hungerast oder Dehydrierung das Ziel in weite Ferne rücken.

Neulinge sind gut beraten etwas Gas raus zu nehmen, sorgsam die Kräfte einzuteilen und penibel auf den bedarfsgerechten Energienachschub zu achten. Lieber auf Ankommen fahren als alles auf eine Karte zu setzen, denn tollkühne Husarenritte kommen einem Himmelfahrtskommando gleich. Wer sich 80-85% unterhalb seiner Schwellenleistung - sprich funktionelle Leistungsschwelle (FTP)  - bewegt macht grundsätzlich nichts verkehrt. Gleichwohl bestehen weitere Unwägbarkeiten, d.h. erst wenn die Finishline überquert wird ist wirklich alles in trockenen Tüchern. Der FTP-Wert (Functional Threshold Power) bemisst die maximale Leistung, die man über den Zeitraum von einer Stunde konstant erbringen kann. Mit Hilfe dieses Parameters lässt sich neben optimalen Intensitätsbereichen auch Durchgangszeiten sowie eine angepeilte Finisherzeit realitätsnah bestimmen. 

Viele fragen sich was Menschen dazu bewegt, an einem einzigen Tag 238 km und 5 500 hm mit dem Rennrad zu bewältigen und sämtliche Erschöpfungssignale des Körpers zu missachten bzw. Schmerzen so gut wie es geht auszublenden? Die Gretchenfrage stellen sich nicht nur Außenstehende sondern vor allem der Sportler selbst. Besonders in schwierigen Phasen welche meistens Sinnkrisen auslösen wird das fragwürdige Tun ernsthaft hinterfragt. Warum bürde ich mir so was "Abartiges" auf - warum tue ich mir das eigentlich an? Die Antwort bekommt der Finisher quasi am Silbertablett serviert, denn im Moment der glücksberauschenden Zieldurchfahrt ist das rationale Infragestellen plötzlich Geschichte. Auf den letzten Metern öffnen sich die Schleusen unbeschreiblicher Gefühlsausbrüche. Der Glückshormonschwall übernimmt dann schlagartig das Regiment und überstrahlt die Ratio vollends. Es sind Augenblicke die offenkundig machen, warum es sich letzen Endes sehr wohl lohnt sich solch enormen Strapazen auszusetzen. Ein zäh erarbeitetes Finish fühlt sich beim Ötztaler mehr als anderswo wie ein persönlicher Sieg an. Da wird sogar die Finisherzeit zur Nebensache. Nicht ohne Grund gilt deshalb für viele ambitionierte Hobby-Radsportler die Prämisse: Einmal im Leben den Ötztal-Radmarathon meistern der einen äußerst prestigeträchtigen Stellenwert in der Radsportszene genießt. 

Nur wer die physische und mentale Verausgabung erlebt hat weiß wie hoch die süßen "Finisher-Trauben" hängen. So hart der Ötztaler auch sein mag: der Glückshormon-Flash macht bei der Zielankuft schlagartig mehr als alles wett. Es ist das Nonplusultra, wenn die ganze Last der Anspannung mit einem Mal von den Schultern fällt und euphorischen Glücksgefühlen Platz macht. What an amazing moment! Letztlich die verdiente Belohnung für die stundenlange Schinderei am Limit. Mit anderen Worten: die emotionale "Payback-Karte" für Trainingsfleiß, diszipliniertes Verhalten und sonstigen Entbehrungen wird unmittelbar nach dem Race-Finish salzverkrustet eingelöst. Manchem Protagonisten mag dabei der Sinneswandel schon paradox vorkommen, wenn aus einem anfänglichen "Nie wieder" bereits bei der Finisherparty ein weiteres Ötztaler-Déjà-vu nicht mehr kategorisch ausgeschlossen wird. 

Am 1. September jährt sich die Chance auf einen außergewöhnlichen Glückshormon-Flashzum 39. Mal. Dann gilt's in Hochforma zu sein und all seine Power in die Wagschale zu werfen, um die verheißungsvolle Trophäe - das begehrte Finishertrikot - abzugreifen.

Es ist wie es ist: je schwerer ein Ziel erreichbar ist, umso größer ist die erlebte Befriedigung wenn man es geschafft hat. Mit anderen Worten: NO PAiN, NO GAiN. Außergewöhnliche Grenzerfahrungen öffnen den Pfad zum eigenen Ich. Eine Lebenserfahrung die ehrfürchtige Demut lehrt. Ehre wem Ehre gebührt, denn wer das Monument bezwungen hat, wird posthum mit einem Ritterschlag gekürt - unerheblich welche Zeit zu Buche schlug. Das begehrte Finisher-Trikot als Ehrengabe vollendet das Glück auf Erden. In diesem Sinne: träume nicht dein Leben sondern lebe deinen Traum! 

 

The day after: nach der Tortur sollte man sich ein erholsames Verwöhnprogramm gönnen. Gerade nach so einem zermübenden Kraftakt wie dem Ötztal-Radmarathon hat der malträtierte Körper und die gestresste Psyche eine entspannende Auszeit bitter nötig. Tipp: im führenden Thermenresort Österreichs - dem AQUA DOME - in Längenfeld (13 km von Sölden) unterstützen regenerationsfördernde Maßnahmen wie Schwimmen, Massagen, Saunagänge und heiße Thermalbäder den körpereigenen Wiederherstellungsprozess. Das AQUA DOME ist ein idealer Kraftort, um frische Energien zu schöpfen und Körper, Geist und Seele wieder in Einklang zu bringen.

Ötztaler Radmarathon 2018 - Filmhighlights