Herbst adé - Hallo Winterzauber

Sobald erste Nachtfröste einsetzen, Nebel die Landschaft verhüllt und atlantische Tiefdruckgebiete über's Land ziehen hört für manchen Zweiradfan der Spaß auf, sprich die Saison ist gelaufen. Die kaltnasse „Saure-Gurken-Zeit“ macht es einem auch wirklich nicht einfach seinen Allerwertesten lustvoll auf den Sattel zu schwingen. Logisch, dass einem bei klirrender Kälte und diffusem Licht auf matschigen, splittgestreuten Straßen oder Radwegen herumzueiern die Lust vergeht. Je garstiger die Witterung, desto mehr schlägt es aufs Gemüt. Da braucht es schon viel Selbstüberwindung, um den Fuß vor die Türe zu setzen. Zu allem Überdruß fördert die lichtschwache Zeit die Produktion des Schlafhormons Melatonin, weshalb die Antriebslust von Haus aus häufig mau ist. Dass es bei widrigen Bedingungen nicht leicht fällt in freier Natur aktiv zu sein und es sogar Selbstüberlistungsstrategien bedarf ist für diese Jahreszeit völlig normal. Solche Begleitumstände spielen dem inneren Schweinehund nämlich direkt in die Hände. Der ungebetene Zeitgenosse gauckelt uns verführerisch vor, dass die Komfortzone - sprich kuschliges Wohlfühlambiente - alternativlos sei. Ob er im Zwist über Für und Wider Oberhand behält und man sich geschlagen gibt oder ob wir uns doch motiviert aufraffen hängt letztlich von der Willenskraft und spontanen Entschussfreude ab wohin das Pendel ausschlägt.

Ist man zwiegespalten und hadert über die Frage Indoor oder Outdoor mit sich selbst vermag der Gedanke, dass das Beste zum Schluss kommt lähmende Unentschlossenheit und fehlende Motivation zu beseitigen. Selbst wenn man sich hinterher körperlich ausgelaugt fühlt, frohlockt die "Habenseite" durch freigesetzte Endorphine (körpereigenes Glückshormon) immerhin mit einem überschwänglichen Stimmungsumschwung. Zurück im beheizten "Home-Castle" macht sich das Gefühl von Genugtung, innerer Zufriedenheit und Entspanntheit breit. Wie sagt so schön der Volksmund: "Ohne Fleiß kein Preis". Ein solches "Vorfreude-Kopfkino" schaufelt im doppelten Sinn Motivation auf die psychische wie mechanische "Antriebskurbel". Sich vorher auf das Hinterher zu freuen gehört eben auch zu einer schlauen Überwindungstaktik. Powern - Erleben - Spaß haben - Entspannen und Genießen, d.h. wer etwas leistet hat, der hat sich verdientermaßen ein Verwöhnprogramm erarbeitet. Die emotionale Belohnung welche das Gehirn in Form eines berauschenden Hormon-Cocktail beisteuert birgt zweifellos Suchpotential, denn jedesmal wird unser psychisches wie physisches Wohlbefinden von Neuem beeinflusst. Ruft man sich den Glückszustand ins Gedächnis und freut sich auf die warme Dusche, eine heiße Tasse Tee oder Glas Glühwein, lukullische Freuden und entspanntes Couching bevor die Tour begonnen hat, dann dürften die Würfel zugunsten eines "Roll-Outs" zumindest leichter fallen. 

Winterradeln liegt im Trend

Während die einen ihr Gefährt winterfest einmotten schnellt die Anzahl derer die Wind, Eiseskälte, Einheitsgrau, Regen, Schnee und Graupelschauer die Stirn bieten ungeachtet dessen in die Höhe. Allen Unkenrufen zum Trotz bietet die unwirtliche Jahreszeit für lockere Ausfahrten im moderaten Belastungsbereich nicht nur ein inspiratives Erlebnis sondern ist zudem auch gesund, worüber sich Fachleute einig sind. Zahlreiche wissenschaftliche Nachweise wie z.B. die Studie „Mobilität und Gesundheit“ von EcoLibro und der AG Mobilitätsforschung der Universität Frankfurt zeigte auf, dass Arbeitnehmer, die zu Fuß oder mit dem Fahrrad zur Arbeit kommen, durchschnittlich zwei Tage pro Jahr weniger krank sind als Auto- und ÖPNV-Nutzer. Wer ganzjährig das Fahrrad nutzt lebt gesünder als reine „Sommerradler“. Diese sind nämlich genauso häufig krank, wie Autofahrer und ÖPNV-Nutzer (etwas mehr als 5 Tage im Jahr). Bewegungsaktivität in frischer Luft hält fit, der Bewegungsapparat bleibt in Schwung und obendrein werden die Abwehrkräfte gestärkt. Rüdiger Reer vom Deutschen Sportärztebund (DGSP) sagt: "Das Immunsystem wird gefördert".

Der sprunghafte Anstieg Hartgesottener, die sich von winterlichen Wetterkapriolen nicht abschrecken lassen zeigt, dass die Anhängerschar der Ganzjahresfahrer permanent zunimmt. Dafür sorgt zum einen die moderne Sportbekleidungsindustrie, ohnen dessen leichte, warme und atmungsaktive High-Tech-Textilien Radfahren im Winter mit Wohlfühleffekt kaum möglich wäre. Eingemummelt in warmer Funktionswäsche, umhüllt von einer winddichten Softshell-Jacke bzw. wasserdichten Regenjacke und bestückt mit Handschuhe, Sturmhaube und Winterstiefel perlt Kälte, Wind, Schnee und Regen wortwörtlich ab. 

Ebenso trägt die Zweiradindustrie dank innovativer Produktentwicklungen ihr maßgebliches Schärflein am Ganzjahresboom bei. Bike-Gattungen wie Cyclocrosser, Gravel- und Mountainbikes, die eine All-Season-DNA im Lastenheft stehen haben sind nicht nur für unterschiedlichstes Terrain und individuelle Ansprüche ausgelegt, sondern für unverwüstliche Wintereinsätze bestens geeignet. Ob Asphalt, Schotter, Wald- und Wiesenpfade, ob Schlamm, Matsch oder Eis - der vielseitige Einsatzbereich macht die Multi-Terrain-Talente zu echten "Allzweckwaffen". Vornehmlich ihre fulminanten On- und Offroad- Fahreigenschaften sowie die Robustheit macht diese Räder zu universellen Spaß-Granaten. 

Was letzten Endes fahrbar ist wird meist weniger vom Material als vielmehr vom fahrtechnischen Können beschränkt. Doch auch diese Grenzen lassen sich verschieben, zumal das Fahren auf glitschigem bzw. schneebedeckten Untergrund die fahrtechnische Performance äußerst effektiv trainiert. Das abverlangte Balancegefühl kombiniert mit einhergehender Bewegungsdynamik schult wirkungsvoll die koordinativen Fähigkeiten. Dabei lässt sich Fahrtechnik am effektivsten mit ungefederten Cross- oder Gravelbikes trainieren, weil sie mehr aktiven und feinfühligen Körpereinsatz erfordern als kommod gefederte Mountainbikes. Überhaupt erleben Räder mit Rennlenkern und Breitbereifung einen regelrechten Hype. Während die aggressive Rahmengeometrie Cyclocrossern (Reifenbreite maximal 33 mm) ein äußerst agiles Fahrverhalten verleiht, spielen komfortablere Gravelbikes (Reifenbreite bis 50mm) ihre Stärken mehr auf der Langstrecke aus. Nicht ohne Grund starteten viele der weltbesten Profis wie Julian Alaphillippe, Zdenek Stybar, Wout Van Aert und Mathieu van der Poel ihre Karrieren auf Cyclossern. 

Am Rande bemerkt: im Hinblick des Klimaschutzes und der Mobilitätswende steigen immer mehr Menschen vom Schadstoff emittierenden Auto auf's umweltfreundliche Fahrrad, Lastenrad oder e-Bike um. Demzufolge nimmt die Zahl derer, die sich auch im Winter mit dem Zweirad fortbewegen um von A nach B zu kommen (z.B. Berufspendler, Alltagsradler) stetig zu, was dem Ganzjahrestrend zusätzlichen Auftrieb verschafft. 

Das A&O beim Winterradeln ist wärmende, atmungsaktive Kleidung. Mit Funktionsunterhemd, Fleecetrikot, Thermojacke, Windweste, warme Strümpfe, Winterschuhe, Handschuhe und Sturmhaube bleiben Nässe, schneidender Wind und Tiefsttemperaturen dem Körper fern. Clever nach dem Zwiebelschalenprinzip kombiniert, leiten übereinander getragene Kleidungsstücke einerseits die Feuchtigkeit von der Haut nach außen ab, andererseits verhindert es das Eindringen von Kälte und Nässe nach innen. Wer sich Schicht für Schicht kleidet verhindert nicht nur unnötig ins Schwitzen zu geraten und schottet sich vor unangenehmen Witterungseinflüssen ab, sondern kann jederzeit auf Wetter- und Temperaturschwankungen reagieren und sich eines Kleidungsstücks entledigen oder eines drüberziehen. Ein weiterer positiver Effekt dieses Kleidungsprinzips ist der, dass die Luft zwischen den einzelnen Kleidungsschichten als zusätzlicher Wärmeisolator wirkt.

"Off-Season" war einmal, denn eingepackt in atmungsaktiver Winterkleidung ist es heutzutage eine wahre Freude lustbetont die Kurbel zu schwingen. Aus medizinischer Sicht spricht ohnehin nichts dagegen in der kalten Jahreszeit Sport zu treiben. Ganz im Gegenteil, es härtet ab und stärkt das Immunsystem, d.h. man radelt Krankheitserregern buchstäblich davon. Wer das Spaßpotential bei frostigem Winterwetter im schneebedeckten Wald auf dem Cross- Gravel- oder Mountainbike über knirschendem Pulverschnee einmal für sich entdeckt hat, weiß das sagenhafte Naturerlebnis zu schätzen, von der heißen Dusche oder Saunabesuch ganz zu schweigen. Also rein in die Klamotten, rauf auf den Sattel und ab ins Winter-Wonderland.