Abschnitt Regenhütte - Kolmberg, 50 km (kumuliert 165 km/2 700 hm)


Das sanfte Gefälle der breit ausgebauten Bundesstraße 11 von Bayerisch Eisenstein bis zur Abzweigung Regenhütte macht in einer flotten Gruppe richtig Laune. An der Verpflegungsstelle Regenhütte ist der am weitest entfernte Punkt erreicht. Von hier ab schlägt der Weg die Richtung gen Ziel ein. Da Regenhütte in der Talsenke des Großen Regen liegt erwartet die Radler auf den folgenden 8 km ein Anstieg mit 550 hm. Insofern ist ein ausgewogener Nahrungsmittelnachschub keine einfache Angelegenheit. Einerseits kann ein voller Magen am Berg Probleme bereiten, anderseits sollen die Energiereserven bis zur nächsten Labe ausreichen. Tipp: leicht Verdauliches essen und Bananen, Kuchen und Energieriegel als Proviant in den Trikottaschen verstauen.

Der ungleichmäßig profilierte Anstieg pendelt zwischen 5% - 9%. Nach knapp 5 km zweigt die Straße zum Bretterschachten ab und zieht sich bis zu 7 % nach oben. 2005 bolzten hier die Profis der Deutschlandtour den Berg bei strömenden Regen rauf. 

Anstiege entzerren im Nu dichte Fahrerfelder. Umso knackiger und unsteter das Höhenprofil, desto schneller zersplittert das Feld – die Spreu trennt sich vom Weizen. Je höher es geht, desto stärker dröselt sich das Fahrerfeld auf, und der Rattenschwanz zieht sich immer mehr in die Länge. Dieser Effekt macht sich nach der 2. Verpflegungsstation bemerkbar. 

Der Gruppenzerfallsprozess vollzieht sich bis zum Leistungspatt der Fahrer. Je länger die Fahrt, desto mehr schweißt die fortwährende Leistungsselektion ebenbürtige Fahrer zusammen. Überholvorgänge werden seltener und vollziehen sich langsamer als in der ersten Streckenhälfte. So richtig frisch schaut nach 4 - 5 Std. Plackerei keiner mehr aus. Manch einer hadert gar mit ersten Sinnkrisen. Trostpflaster: auf dem Bretterschachten 1 120 m.ü.M. erreicht der Arber-Radmarathon seinen höchsten Streckenpunkt, von wo es dann 7 km hinab ins Zellertal (500 Tiefenmeter) nach Bodenmais geht. Kette rechts!

Dusel gehabt, wer ab Bodenmais auf der gut ausgebauten Hauptstraße 2132 im flachen Zellertal nicht allein auf weiter Flur ist. Als Solist sollte man sich schleunigst mit versprengten Fahrern verbünden. Auf den langen Ziehern heißt es beißen, um am Ende nicht allein dazustehen.  

Selbstbeherrschter Abfahrtsstil

What’s go up – that must go down – die in den Anstiegen erkämpfte potentielle Energie wird in der Abfahrt in kinetische Energie (Bewegungsenergie) umgewandelt. Schlagartig dreht sich der Spieß in Sachen arbeitsteiliger Aufgabenbewältigung von Kraftausdauer und psychischer Belastung um. War der Körper bei höchster Belastungsintensität aufwärts nahezu ausbelastet, leitet das Gefälle einen Art Funktionsschichtwechsel ein. Vorbei die Zeit, wo das Zentralnervensystem in Sachen Konzentration nur als Erfüllungsgehilfe des Organismus „unterfordert“ vor sich hin glimmte. Während bergauf Kraftausdauer für Vorwärtsbewegung sorgte, ist nun abwärts ein Höchstmaß an Konzentration nötig. Der Muskelapparat nimmt seine regenerative Auszeit, während sich das Gehirn dominierend zum Entscheidungs- Kommando- und Kontrollzentrum aufschwingt. Nun ist geistige Potenz gefragt. Der Reizzustand reflektiert eine „Hab Acht Stellung“ was u.a. die Reaktionszeit verkürzt. Daher der Nervenkitzel, welcher Psyche wie Physis wohlweislich unter Anspannung hält. Versiertes Fahrkönnen, höchste Aufmerksamkeit und ein gesundes Maß an Selbsteinschätzung vorausgesetzt, zeigt die Tachonadel bei ausgefeilter aerodynamischer Sitzposition eine Vmax nahe der 100 km/h - Marke. Die Massenträgheit von Rad + Mensch will jedoch souverän durch die Kurvenkombinatonen gezirkelt sein. Inwieweit der Fahrstil angemessen ist bzw. Gefahr in Verzug besteht, vermeldet unser innerer Kompass (subjektive Wahrnehmung) - sprich Popometer -zuverlässig in Echtzeit. Doch Vorsicht: es lauern Gefahren auch fern der bewussten Wahrnehmung. Je länger man im Sattel sitzt, desto mehr "Körner" wurden verbrannt, d.h. je nach Energiezufuhr leert sich der Glycogenspeicher mehr oder weniger schnell. Selbst Snacks, Obst, Riegel, Gels und Energy-Drinks vermögen den Energiebedarf bei dauerhaften (Extrem-) Belastungen kaum zu decken, ohne die Substanz anzuzapfen. Rasante, kurvenreiche Abfahrten erfordern erhöhte Hirnleistung, dessen Koordinationsleistungen ausgerechnet vermehrt Kohlenhydrate benötigen. Vorausschauendes Fahren, blitzschnelle Entscheidungen treffen, Alternativen in brenzligen Situationen parat haben – hierfür braucht es einen hochfrequent getakteten Prozessor. Eine Kohlenhydratunterversorgung (abgesenkter Blutzuckerspiegel) führen zu Konzentrationseinbußen, die Flüchtigkeits- und Fahrfehler begünstigen. Gesellt sich eine nasse, rutschige Fahrbahnoberfläche bzw. schlechte Sichtverhältnisse hinzu, werden Risiken bei unangepasster Fahrweise (z.B. Übermut, Selbstüberschätzung) unkalkulierbar. 
http://www.dreilaenderbike.de/reportagen/dem-flow-auf-der-spur/hirnfutter.html

 


Dusel gehabt, wer ab Bodenmais auf der breit ausgebauten Hauptstraße 2132 im flachen Zellertal nicht allein auf weiter Flur ist. Als Solist sollte man sich schleunigst mit versprengten Fahrern verbünden. Dann heißt es auf den lang gezogenen Wellen beißen, beißen, beißen, um nicht aus der Gruppe abzutropfen.

Sobald die Staatsstraße 2326 Richtung Viechtach abzweigt zieht das steigende Höhenniveau wieder die Daumenschrauben an. Abermals wird zum Halali (220 hm) geblasen.

Ist das Hochplateau passiert, mündet nahe Heitzenzell die "Kleine" Arberrunde ein, dessen Fahrer andersfarbige Rückennummern tragen. Chance für schnellere Aspiranten, Gefallen an Überholorgien der 170 km - Nachzügler zu finden. Tja, des einen Freud ist des anderen Leid. Langsamere Fahrer sind nun mal die Motivatoren für die schnellere Fraktion. Umgekehrt ist es auf Dauer demotivierend, wenn man permanent überholt wird und eigene Erfolgserlebnisse über längere Wegstrecken ausbleiben. Umso schwieriger die Gratwanderung, unter Extrembedingungen die optimale Ausgewogenheit zwischen Intensität & Ausdauer zu finden, die Ressourcen berücksichtigt.  

Wurde die Viechtacher Regental-Senke gequert (420 m.ü.M.) macht der zähe Rollwiderstand klar, dass das Höhenprofil die Daumenschrauben anzieht. Wiederum ist Wadenschmalz und Leidensfähigkeit gefragt. Nachdem die Beine seit Stunden wirbeln und allmählich die Sitzknochen schmerzen, zwickt und zwackt der 11 km lange Anstieg nach Kolmberg schon gewaltig.

Für die meisten Teilnehmer beginnt erst jetzt das "echte" Leiden. Die inneren Schweinehunde scheinen fast rudelhaft aufzutreten, so dass Motivationslöcher beängstigende Ausmaße annehmen. Gesellen sich bleischwere Beine, Krämpfe, Sitzbeschwerden oder Unverträglichkeit des Magens und Darms hinzu, wird's bitter. Manch Geschundener erlangt zu neuer Selbsterkenntnis. 

Wer kennt das Wechselbad der Gefühle nicht besser als leidenschaftliche Radsportler? Umso sehnlicher krabbelt man der 3. Verpflegungsstation entgegen. Häufiger Wechsel in den Wiegetritt, ständige Sitzpositionsveränderung sowie Dehnübungen am Streckenrand zeugen von piesackenden Zipperleins, mit denen sich die Leidgeprüften zur fortgeschrittenen Stunde herumschlagen.

 

 

An der Labestation Kolmberg heißt es absitzen, runter kommen und sich sammeln, bevor es ans Kohlenhydrat- und Mineralstoffbunkern geht. Hier oben auf 900 m.ü.NN. liegt zwar schon eine gute Wegstrecke hinter einem, doch bis zum Ziel sind es immerhin noch ca. 80 km. Päuschen hin oder her - jeder hat irgendwie die bevorstehende Maibrunner Rampe vor dem geistigen Auge.