zu den
Informationen

»Große Arberrunde« (Tour A) - Teil II

 Streckenabschnitt Regenhütte - Kolmberg

Streckenverlauf: Regenhütte  (KM 120) → Bretterschachten → Bodenmais (KM 134) → Drachselsried (KM 145) →Viechtach (KM 160) →  Kolmberg / Verpflegungsstelle (KM 170)

Streckendaten: 50 km / 1.300 hm 

Streckencharakteristik: bergiges Profil 

Anstiege:

Regenhütte (628 m) - Bretterschachten (1.120 m): 8 km / 496 hm / Steigung Ø 6,5 %

Arnbruck - Heitzenzell: 3 km / 160 hm / Steigung Ø 3,1 %

Viechtach-Kolmberg: 11 km inkl. 2 x Gegengefälle 650 hm 

Streckeneinmündung Heitzenzell (KM 153) »Kleine Arberrunde«  

Die Verpflegungsstation Regenhütte liegt auf einer Höhe von 628 Meter in der Talsenke des Großen Regen, weswegen der Höhenunterschied zum Bretterschachten knapp 500 Meter beträgt. Angesichts der Tatsache, dass der Anstieg unmittelbar an der Labe beginnt macht einen angemesssen Nahrungsmittelnachschub gar nicht so einfach. Einerseits behindert ein voller Magen eine optimale Leistungsentfaltung oder bereitet am Berg sogar ernsthafte Probleme, anderseits sollen die Energiereserven bis zur nächsten Labe ausreichen. Neben der Vorort-Verpflegung macht es Sinn, sich Proviant wie Banane, Kuchen und Energieriegel einzustecken, um gegen einen Leistungseinbruch (z.B. Unterzucker) gewappnet zu sein. Wird der Energiebedarf rechtzeitig und bedarfsorientiert gedeckt und kurbelt gleichmäßig im erträglichen Belastungsbereich unterhalb der anaeroben Schwelle, der kommt in aller Regel auch gut über die Berge. 

Sobald Regenhütte verlassen wird, beginnt der sehr unrhythmische Anstieg. Zwischen 6 und 8 % - mehrmals unterbrochen von flacheren Abschnitten radelt man 4.5 km ausschließlich im dichten Wald bevor der Abzweig zum Bretteschachten erreicht ist. Hier biegt man links ab, während die Hauptverbindungsstraße geradeaus zum Arbersee und weiter zur Arber-Talstation bzw. Brennes führt. Sobald sich der Wald etwas lichtet nähert man sich dem höchsten Streckenpunkt des ARM.


Im Gegensatz zum Brennes-Aufstieg lässt sich die ungleichmäßige Steigung zum Bretterschachten hinauf (5% - 9%) relativ unrythmisch fahren.  Nach knapp 5 km zweigt die Straße zum höchsten Punkt der Großen Arberrunde ab (7 % Steigung).

Exkurs Deutschlandtour 

Am 16. August 2005 jagte die Profiliga bei der 7. Deutschland Tour den Bretterschachten hoch, deren zweite Etappe damals von Pegnitz über Amberg Cham – Lam – Scheiben – Bretterschachten nach Bodenmais führte (200 km). 

Trotz strömenden Regen feuerten viele Zuschauer ihre Heroes wie Jan Ulrich, Jörg Jaksche, Jens Voigt & Co inbrünstig an.

Back to the roots. Die Abfahrt auf der Arberseestraße nach Bodenmais werden hohe Geschwindigkeiten erreicht. Versierte Abfahrer knacken schon mal die dreistellige Schallmauer.

Berge entzerren dichte Fahrerfelder. Umso knackiger und unsteter das Höhenprofil, desto schneller zersplittert das Feld – die Spreu trennt sich vom Weizen. Je höher es geht, desto stärker dröseln sich die Fahrer als Solisten auf was den Rattenschwanz immer mehr in die Länge zieht. Nach etlichen Anstiegen ist das ehemals dichte Fahrerfeld am Bretterschachten mittlerweile ziemlich ausgedünnt. Umso dringlicher ist es, sich nach der Gefällstrecke an der Einmündung in die Hauptstraße Bodenmais - Drachselsried nach Verbündeten Ausschau zu halten, um die bevorstehende Flachetappe nicht als Solist fristen zu müssen.

Dusel gehabt, wer auf der breit ausgebauten Hauptstraße 2132 im flachen Zellertal nicht allein auf weiter Flur ist. Als Solist sollte man sich schleunigst mit versprengten Fahrern verbünden. Dann heißt es auf den lang gezogenen Wellen beißen, um den Kampf gegen die "Windmühlen" gemeinsam zu bestreiten.

Der Zug rollt! Vorbei an Drachselsried und Arnbruck endet der flache "Speed-Abschnitt" - und damit das Déjà-Vu mit dem ruhigen Zellertal - nach 15 km.

Der Gruppenzerfallsprozess vollzieht sich bis zum Leistungspatt der Fahrer. Je länger die Fahrt, desto mehr schweißt die fortwährende Leistungsselektion ebenbürtige Fahrer zusammen. Überholvorgänge werden seltener und wenn, dann vollziehen sich längst nicht mehr so energiegeladen als in der Anfangsphase. So wirklich richtig frisch schaut nach 4 - 5 Std. Plackerei keiner mehr aus. 

An einer Straßenverzweigung bei Arnbruck wird dem schönen Zellertal der Rücken gekehrt. Nun wird Kurs  auf's Regental genommen, wobei dazwischenliegende Höhenrücken 170 hm aufweist.

Rückwärtsblickend das idyllische Zellertal, welches umrahmt von zwei Bergketten sich zwischen Bodenmais und Bad Kötzting ausbreitet.

Sobald die Staatsstraße 2326 Richtung Viechtach abzweigt steigt das Höhenniveau wieder an. 

Kein Unbekannter: Ralf Preissl - mehrfacher Finisher der Ironman World Championship auf Hawaii, Regensburgs Sportler des Jahres (2008) und Deutscher Meister im Berglauf 2012 hat sichtlich Spaß beim Arber-Radmarathon. 

 

Am Scheitelpunkt der Straße mündet bei Heitzenzell die »Kleine Arberrunde« ein. Gegenüber den Marathonis haben sich die Teilnehmer 80 Kilometer samt 1.250 Höhenmeter gespart. Unterschiedliche Rückennummerfarben machen die jeweilige Streckenkategorie kenntlich. Treffen schnellere Aspiranten auf Nachzügler wirken Überholvorgänge wie Motivationsspritzen. Gleichwohl kann Übermotivation zur Übersäuerung der Muskulatur führen (leistungsmindernde Laktatbildung). Auf einer Marathondistanz ist es immer eine diffizile Gratwanderung, unter Extrembedingungen die optimale Ausgewogenheit zwischen Intensität & Ausdauer zu finden, um zum Schluß raus noch Kraftreserven zu verfügen. 

Auf dem Gefällabschnitt (300 Tiefenmeter) nähert man sich im Sauseschritt der Stadt Viechtach. Ist die Regental-Senke durchquert (420 m.ü.M.) bremst die beginnende Steigung die Geschwindkeit wie ein ausgelöster Fallschirm. Postwendend ist erhöhter Pedaldruck vonnöten um nicht die Balance zu verlieren. Das altbekannte Spielchen beginnt wieder von vorn. Abermals ist Wadenschmalz und Leidensfähigkeit gefragt. Nachdem die Beine seit Stunden wirbeln und allmählich die Sitzknochen schmerzen, zwickt und zwackt der 11 km lange Anstieg nach Kolmberg schon gewaltig.

Erhöhte Vorsicht ist bei der Einmündung in die B 85 geboten. Nach 600 m wird rechts in die Straße Richtung Sankt Englmar abgezweigt und einem weiteren Kilometer nochmals recht abgebogen. Nun verläuft die Route an Rechertsried und Nössling vorbei direkt nach Kolmberg. 

Im Grunde beginnt an und für sich nun das richtige Leiden. Die inneren Schweinehunde scheinen fast rudelhaft aufzutreten, so dass Motivationslöcher beängstigende Ausmaße annehmen. Gesellen sich bleischwere Beine, Krämpfe, Sitz- oder Magensbeschwerden hinzu, wird die Weiterfahrt zunehmend brenzliger. Doch ein Radsportler wäre kein echter Radsportler, wenn eiserne Willenskraft nicht die Kastanien aus dem Feuer holen würde.....  

Ganz frisch schaut der sichtlich kämpfende Fahrer im Zickzack-Stil nicht mehr aus. Kein Wunder, wenn nach stundenlangem Dauereinsatz der Erschöpfungsprozess voranschreitet, zumal auf dem 11 km langen Abschnitt zwischen Viechtach und Kolmberg - einschließlich zwei Gegengefällpassagen von 150 Tiefenmeter - insgesamt 650 Höhenmeter zu Buche schlagen. Außerdem macht den Fahrern an dem schattenlosen Südhang die Hitze zu schaffen wenn in der prallen Sonne die Temperatur die 30 Grad Marke überspringt. So z.B. 2013, als ausgerechnet am Tag der Veranstaltung mit 37 Grad der heißeste Sommertag des Jahres gemessen wurde und reihenweise dehydrierte bzw. erschöpfte Teilnehmer mit Bussen zurück nach Regensburg transportiert werden mussten.

Wer kennt das Wechselbad der Gefühle nicht besser als leidenschaftliche Radsportler? Umso sehnlicher krabbelt man der dritten Verpflegungsstation entgegen. Häufiger Wechsel in den Wiegetritt, ständige Sitzpositionsveränderung sowie Dehnübungen am Streckenrand zeugen von piesackenden Zipperleins, mit denen sich die Leidgeprüften zur fortgeschrittenen Stunde herumschlagen. 

Nach dem 11 km langen Anstieg naht das Verpflegungsschild am Straßenrand, das als wahrer "Rettungsanker" wahrgenommen wird. Im Hintergrund weist das Schild auf den Landkreis Straubing-Bogen hin, womit die 64 km lange Fahrt durch den Landkreis Regen hier sein Ende nimmt.

An der Labestation Kolmberg - Ortsteil der Gemeinde Sankt Englmar - ist ein wichtiges Etappenziel erreicht. Nun heißt es absitzen, runter kommen, sich sammeln und genüsslich die Energiespeicher mit Kohlenhydraten und Mineralstoffen auffüllen. Selbstzufrieden kann man auf der Anhöhe (900 m.ü.NN.) auf seine vollbrachte Leistung zurückblicken. Eine gute Wegstrecke liegt hinter einem, einschließlich den größten "Berg-Brocken". Gleichwohl ist es bis ins Ziel - je nach körperlicher Befindlichkeit - kein Katzensprung. Vor allem die berühmt berüchtigte Maibrunner Rampe erregt die Gemüter. 

Werfen wir ein Auge auf die Zwischenbilanz: 171 Kilometer samt 2.850 hm sind bewältigt. Bleiben also nach Adam Riese bis ins Ziel noch 80 Kilometer und 800 Höhenmeter übrig, die nur noch zwei nennenswerten Anstiege (Maibrunn und Ascha) beinhalten. eine überschaubare Aufgabe, auch wenn sich der Schlussabschnitt erfahrungsgemäß verdammt in die Länge zieht. 

Streckenabschnitt Kolmberg - Maibrunner Berg - Untermiethnach (37 km)

 Streckenabschnitt Kolmberg - Untermiethnach

Streckenverlauf: Kolmberg (KM 170) → Maibrunn  (KM 176) → Ascha (KM 195) → Falkenfels (KM 198) → Untermiethnach / Verpflegungsstelle (KM 207)

Streckendaten: 37 km / 700 hm 

Streckencharakteristik: bis Maibrunner Höhe bergiges Profil - bis Haibach Gefällstrecke (500 Tiefenmeter), dann welliges Profil

Anstiege:

Grün (730 m) - Maibrunner Höhe (902 m): 2 km, 172 hm, Steigung Ø 8,7%, Steigung max. 13%

Ascha-Falkenfels 4 km / 145 hm

Gessmannszell - Saulburg 1.5 km / 60hm

Streckeneinmündung in Ascha: »Bayerwaldrunde«, Streckeneinmündung in Falkenfels »Panoramarunde«

Erhöhte Vorsicht bei der Abfahrt von Kolmberg nach Klinglbach, da die Gefällstrecke in eine vorfahrtsberechtigte Haupstraße einmündet!

Maibrunner Höhe - emotionales Feuerwerk zwischen Schmerz und Glücksgefühle in der Hochphase 

Wird der Skihang in Grün nahe Sankt Englmar passiert steht der berüchtigtste Scharfrichter des Arber-Radmarathons bevor, der schon so manch zermürbten Radler zur schieren Verzweiflung trieb. Gemeint ist die Maibrunner Höhe, die mit einer Durchschnittssteigung von 8.3% an der Schmerzgrenze ihren Schweißtribut einfordert und einem zur fortgeschrittenen Stunde so überflüssig wie ein Kropf vorkommt. War die Schinderei bislang hart, so kommt's nun knüppeldick. Mit anderen Worten es geht ans Eingemachte. Sengende Mittagshitze vermag dabei die körperliche Befindlichkeit bei der kräftezehrenden Bergkraxelei noch zusätzlich zu verschärfen. 

Eröffnen wir das "Fest der Leiden" mit dem passenden Spruch des legendären Boxansagers Michael Buffer: "Let's get ready to rumble“. Sobald in Grün in die Maibrunner Bergstraße eingebogen wird geht's ohne großes Tam Tam gleich zur Sache. 170 Höhenmeter - verteilt auf zwei Kilometer - für sich allein genommen eigentlich Pillepalle. Doch angesichts 2.800 Höhenmeter (oder 1.500 hm) in den Beinen sieht man sich einer gänzlich anderen Herausforderung konfrontiert. Kommt man körperlich angeschlagen an der sogenannten "Himmelspforte" an, dann raubt einem dieser "Giftzwerg" den letzten Nerv. Geplagt zwischen Selbstzweifeln und innerlichen Durchhalteparolen nimmt das emotionale Feuerwerk zwischen Schmerz und Glücksgefühle seinen Lauf.

Mit einer Maximalsteigung von 12.5% erhalten mentale Sinnkrisen quasi gratis eine Einladungskarte. Je nachdem in welcher körperlichen Verfassung man sich befindet, bekommen lästige Plagegeister - sprich der innere Schweinehund - Aufwind. Wie dem auch sei: blickt man bei Überholvorgängen im Schneckentempo in die ausgemergelten Gesichter seiner Mitstreiter registriert das Gehirn sehr wohl mit gewisser Genugtung, dass es anderen Leidensgenossen auch nicht viel besser ergeht als einem selbst. Andererseits sollte man sich bei allem Wetteifern auf den Grundsatz besinnen: "Dein stärkster Gegner bist du selbst!" Bergauf muss ohnehin jeder sein eigenes Temo anschlagen, ansonsten artet es in Harakiri mit fragwüridgem Ausgang aus.

Hat man sein Tempo und Rhythmus gefunden und kreiseln die Beine fern des Bewusstseins wie von selbst, öffnet sich die Tür in den inneren Tunnel und verwandelt den mühsamen Akt der Fortbewegung zur schweißtreibenden Meditation. Der Radler ergibt sich sozusagen dem Berg. Dabei richtet sich der stoische Blick entweder nach unten oder fokussiert einen bestimmten Fixpunkt wie z.B. die nächste Kurve, die nächste Kehre oder sonst irgendeinen markanten Punkt. Der direkte Blick nach vorne auf die Steilpassage ist psychologisch eher destruktiv, denn gegen eine Steilwand zu starren löst mehr Frustration denn Motivation aus. Da passiert es schon, dass sich absurde Gedanken in einer Dauerschleife verhaken, was den inneren Schweinehund mit "Würstchen" füttert.

Wird die Belastungsgrenze überschritten um an einem Radler dran zu bleiben, der läuft Gefahr zu übersäuern und womöglich Muskelkrämpfe zu erleiden. Spätestens dann geht der Schuß nach hinten los und muss kapitulieren. Manch einer sieht sich gar gezwungen, sein Gefährt nach oben zu schieben.

Während Bergziegen längst über alle Berge sind und vielleicht zuhause schon geduscht haben, ficht "Otto-Normal-Radler" seinen gnadenlosen Kampf um's sportliche Überleben aus. Als unbeugsame Kämpfernatur bleibt nur die Möglichkeit, dem inneren Schweinehund im Zwiegespräch die Stirn zu bieten: "husch husch, ab ins Körbchen"! Momente die an den unvergessenen Motivationsspruch von Ex-Profi Udo Bölts (finishte von 1992 - 2003 zwölf Mal in ununterbrochener Reihenfolge die Tour de France) erinnern, als er seinen Kapitän Jan Ullrich 1997 verbal zum Tour-de-France-Sieg "prügelte": "Quäl dich, du Sau!“. Keine Frage, der Maibrunner Berg verlangt beinharte Moral. Ist man platt, brennt sich die Grenzerfahrung unauslöschlich ins Langzeitgedächnis ein. Dies ist auch der Grund dafür, wieso die berühmt berüchtigte Maibrunner Höhe so häufig in aller Munde ist. 

Der klaren Ansage von Uwe Bölts folgen im Prinzip auch tausende Hobbyradler. Freilich steht beim Arber-Radmarathon kein prestigeträchtiger Sieg in Aussicht, doch nichtsdestoweniger geht es ums Durchhaltevermögen bzw. nicht in der Geschwindigkeit nachzulassen. Verbunden mit der Hoffnung, seine Leistung bestmöglichst abrufen zu können. Ein solch "erarbeitetes" Glücksgefühl fußt eben einzig auf die durchgestandene Anstrengung, weshalb die Qual tatsächlich die erste Wahl ist. Dafür bietet die Maibrunner Höhe die ideale "Show-Bühne".

Gut 1 km sind 12 % Steigung bis Maibrunn zu überwinden. Wer denkt, das war's sieht sich bitter getäuscht. Die abbflachende Steigung gaukelt einem nur vor, dass der Scheitelpunkt in Sichtweite ist. Stattdessen werden die Daumenschrauben nochmals angezogen. Besonders der obere Teil zieht sich in die Länge. Erst am Waldrand purzeln die Steigungsprozente, und ruckizucki hellt sich die Stimmungslage wieder auf.

Das beste was einem im Akt größter Kraftanstrengung passieren kann: motivierende Anfeuerungsschreie. Dies vermag nicht für möglich gehaltene Kraftreserven aus dem seichten Energietank wach zu kitzeln. DANKE! 

Treuer "Fanclub" am Streckenrand. Am Ende der schweißtreibenden Auffahrt wird auch hier nochmals Seelenmassage für die ungekrönten Häupter der "Ausdauerkönige" betrieben. DANKE! 

Die letzten Meter auf der Höhe verläuft die Straße beinahe eben. Schnurstraks rollt man auf das grüne (Pass-) Schild zu, auf dem Name und Höhe des "Widersachers" vermerkt ist: Maibrunner Höhe, 902 Meter über dem Meeresspiegel. Ganz nach dem Werbeslogan von Garmin: "Sie haben ihr Ziel erreicht" ist die giftigste Herausforderung abgehakt. Die Zeit ist gekommen, um aus dem inneren Tunnel - in den man sich verkrochen hatte - mit frischen Lebensgeistern wieder aufzutauchen.

Nachdem der Scheitelpunkt der Mainbrunner Höhe (902 m.ü.M.) erreicht ist, ist das Schlimmste ist überstanden. Flugs sind alle Selbstzweifel wie weggeblasen. Nun heißt es Durchschnaufen, kurz Kräfte sammeln und den Fokus auf die bevorstehende Abfahrt richten.

Auf den zähen Anstieg folgt die Freude auf die bevorstehende Abfahrt. Bei Elisabethszell ist in einem scharfen Rechtsnknick erhöhte Vorsicht geboten ist. Innerhalb 14 km bis hinab ins Donautal nach Rattiszell verliert man 560 Meter an Höhe. Dies verschafft der malträtierten Beinmuskulatur eine wohltuende Auszeit. Dafür ist jedoch nun der Kopf gefordert. Die kurvige Gefällstrecke verlangt hohe Konzentration, versierte Fahrtechnik und gutes Reaktionsvermögen, was allerdings im erschöpften Zustand nicht mehr so perfekt funktioniert. Glucosemangel (Gehirn verbraucht ausschließlich Kohlenhydrate) vermindert nämlich die Konzentrationsfähigkeit, was Fahrfehlern Vorschub leistet. 

 Glucosemangel 

Geleerte Glucosespeicher (niedriger Glucoseanteil im Blut) senkt den Blutzuckerspiegel, was u.a. die Sensomotorik beeinträchtigt. Nicht nur die Beinmuskulatur benötigt Kohlenhydrate sondern auch das Gehirn. Besonders Abfahrten und technische Passagen erfordern für die Konzentrationsfähgikeit reichlich Energiezufuhr. Da Gehirnfunktionen nur bei ausreichender Kohlenhydratzufuhr (Glucose ist wichtigster Energielieferant) optimal funktionieren, führt eine Mangelversorgung zu Konzentrationseinbußen (Kondition = Konzentration). Somit summieren sich nach stundenlanger Ausdauerleistung zwei Risikofaktoren, über die sich arglose Fahrer im Eifer des Gefechts kaum bewusst sind. Kurvenkombinationen, hohe Geschwindigkeit, Linienwahl, Bremsmanöver und balancierende Bewegungsmotorik erfordern geistige Potenz welche für Konzentration, Koordination, Handlungs- und Reaktionsschnelligkeit sowie Reflexfähigkeit sorgt. Vorgänge, die im Erschöpfungszustand nicht mehr so perfekt funktionieren wie man vielleicht glauben mag. Dies erhöht das Risiko von Fahrfehlern. Wetter- und Bodenverhältnisse (Regen, Hitze, Kälte) vermögen das Gefahrenpotential zusätzlich zu verschärfen. Ein unangepasster Fahrstil wird schnell zur unkalkulierbaren Schlitterpartie. Stürze in der Endphase sind symptomatisch für Konzentrationsschwäche und Selbstüberschätzung. Um das Restrisiko so gering als möglich zu halten, sollte man sich nicht ahnungslos in trügerischer Selbstsicherheit wiegen oder gar zu euphorischen Fahrmanövern verleiten lassen. Gefahr erkannt - Gefahr gebannt! Daher ist es wichtig die Kohlenhydratdepots aufzufüllen: Lebensmittel mit hohem Glykämischen Indexwert (GI) lassen den Blutzuckerspiegel rasch ansteigen. Nach Aufspaltung im Verdauungstrakt werden sie direkt im Blutkreislauf aufgenommen, und zum Gehirn sowie Muskeln transportiert, d.h. der Insulin-Schub mobilisiert Reserven. Lebensmittel mit hohem GI: Maltose (Malzzucker) 110, Glucose (Traubenzucker) 100, Honig 87, Vollweizenbrot 72, Rosinen 64, Bananen 62.

In Ascha mündet die »Bayerwaldrunde« in die »Große- und Kleine Arberrunde« ein. Je nachdem wie schnell man unterwegs ist, trifft man vereinzelt auf Nachzügler der 125 Kilometer-Tour. 

»Bayerwaldrunde«

Der 4 km lange Zieher ist alles andere als steil (3-4% Steigung), weh tut er trotzdem. Je länger man im Sattel sitzt, desto mehr piesacken einem irgendwelche Zipperleins. Die Straße schlängelt 145 Meter hinauf nach Falkenfels. Es ist der letzte Anstieg und trotz mäßiger Steigung wird man das Gefühl nicht los, dass es sich bis zur Kuppe am Ortsende von Falkenfels endlos wie ein Kaugummi dahin zieht. Ist die letzte Hürde gemeistert hat man sozusagen den Sack geschnürt.

Da sich in Falkenfels die »Panoramarunde« dazu gesellt ist das "Routen-Quartett" komplett. Nach Falkenfels folgt ein kurzes Gefälle, worauf sich hinter Gessmannszell der letzte nennenswerte Hügel aufbäumt. Schlappe 60 Höhenmeter mit rund 3% Steigung mag man normalerweise ohne Geschwindigkeitsverlust durchdrücken. Doch wenn man am Zahnfleisch daher kommt, schaut die Sache anders aus. Das gute an der Gschicht: es ist der letzte Zacken im Sägezahnprofil des Arber-Radmarathons. Ist die letzte Hürde genommen, dürfte die Vorfreude auf Energienachschub und Freibier in Saulburg (448 m.ü.NN.) grenzenlos sein. 

»Panoramarunde«

Saulburg ist mit Abstand die größte Verpflegungsstelle. Sie wird im Laufe des Tages von bis zu 6500 Teilnehmern bevölkert. Stundenlang herrscht hier großer Andrang. Während die ersten Fahrer der 100 km langen »Panoramarunde« gegen 11.30 Uhr eintreffen, trudeln Nachzügler der »Großen Arberrunde« erst gegen 17.00 Uhr ein. Ob das Halli Galli und ausgedehnte Pausendauer ursächlich am süffigen Freibier liegt, vermag niemand zu sagen. Es kursieren Gerüchte, nach denen manch ein ausgepowerter Genosse vorzeitig den Anker warf und sich von Ehefrau, Partnerin oder Freunden nach Hause chauffieren ließ. 

Die Berge sind bezwungen - Ende gut alles gut. Im Bild der "radelnde Reporter" mit toughem Begleiter. 

Streckenabschnitt Untermiethnach - Regensburg (38 km)

  Streckenabschnitt Untermiethnach - Regensburg

Streckenverlauf: Untermiethnach (KM 207) → Wörth a.d.Donau (KM 217) → Ziel Regensburg /Dultplatz (KM 245)

Streckendaten: 40 km / 100 hm → kumulierte Gesamstrecke 245 km / 3.650 hm)

Streckencharakteristik: Flachetappe (Saulburg - Obermiethnach sanfte Gefällstrecke, 110 Tiefenmeter) 

Die Schlussetappe von Untermiethnach nach Regensburg wird von den Touren A, B, C und D tangiert. Im flachen Donautal kann man seine verbliebenen Kraftressourcen rausballern, idealerweise windschattengeschützt in einer harmonierenden Gruppe. Jeder ausgemergelte Fahrer ist heilfroh, dass nun keine Anstiege mehr kommen.

Nach der zermürbenden Strapaze wird die sanfte Gefällstrecke hinab ins Donautal (100 Tiefenmeter) wie Balsam auf die geschundenen Körperpartien empfunden. Bayerwald ade, ab der letzten Verpflegungsstation hat man die restlichen 40 km nur noch das Ziel in der Domstadt vor dem geistigen Auge. Allein diese Vorstellung verschafft emotionale Höhenflüge. Der psychologische Aufwind erklärt auch, warum so viele Rennradler euphorisch beflügelt mit letzten Kräften voll in die Pedale treten. Es hat den Anschein, dass der Schlussabschnitt lustvoll als verlängerter "Zielsprint" gefahren wird. Wie Phönix aus der Asche setzt der Glückszustand Energien frei, von denen man vor kurzem nicht zu träumen wagte. Dank berauschender Endorphine und reichlich Adrenalin als körpereigener Schmerzstiller in der Blutbahn hat man das Gefühl, regelrecht nach "Hause" zu fliegen bzw. wähnt sich in einem unverwundbaren Zustand. Selbst wenn der Körper nach stundenlanger Belastung aufmuckt, treibt letzten Endes eiserne Willenskraft voran. Wie heißt es so schön: "der Glaube versetzt Berge", was für passionierte Radsportler eine sehr spezielle Bedeutung hat. Unerschütterlicher Glaube - gepaart mit leidenschaftlicher Hingabe - vermag tatsächlich Berge zu versetzen. Die bekannte Redewendung hat ihren Ursprung im Neuen Testament der Bibel und besagt nichts anderes als dass alles gelingen kann, sofern man unbeirrt fest genug daran glaubt. Diesbezüglich sind passionierte Radsportler sowieso aus hartem Holz geschnitzt.

Wer zum Schluß noch genügend Power in den Beinen hat bzw. eine schnelle Gruppe erwischt hat (in der Donauebene bläst häufig Gegenwind) kann die Strecke zwischen Saulburg und Regensburg durchaus in einer Stunde schaffen. Flach wie eine Flunder geduckt in Unterlenkerposition Pace machen zeigt einmal mehr, welch fundamentale Rolle die Willensstärke insbesondere im Ausdauersport spielt.

Selbstverständlich gibt es auch viele Teilnehmer, die im erträglichen Genussradlertempo unterwegs sind, während sich andere abmühen mit letzten Kräften ins  Ziel zu schleppen. Zitat eines Forumseintrags: "Die letzten 20 Kilometer - ein langer Weg des Leidens - die Geschwindigkeit - unterirdisch. Am Ziel angekommen - fertig - Ende aus - ich hatte es geschafft - ich war geschafft."

Die Leistungsspreizung ist in der Hobbyliga gewaltig. Freilich gibt es beim ARM keine offizielle Zeitmessung was aber nicht heißt, dass ehrgeizige Fahrer ungeachtet dessen watt- und pulsorientiert beherzt ans Leistunslimit gehen. Die schnellsten Fahrer der Großen Arberrunde bewältigen die Marathondistanz in rund 7 Stunden Fahrzeit, was einem Ø von knapp 36 km/h entspricht während die "Schlusslichter" mitunter nach 12 Stunden im Ziel eintrudeln. Fahrzeit hin oder her, das Finisher-Glücksgefühl ist jedem hold, egal wie lange man gebraucht hat. 

Die letzten acht Kilometer vor dem Ziel ist wegen zwei Kreisverkehre sowie hohem Verkehrsaufkommen ab Tegernheim erhöhte Vorsicht geboten. Nach der Bahnunterführung werden die Radfahrer in der Donaustaufer Straße von der Polizei auf straßenbegleitende Radwege gelenkt. 

Kurz vor dem Ziel am Dultplatz kann man zu recht entspannt lächeln...

Im Stadtgebiet besteht Radwegenutzungspflicht! Wegen tausender zurückkehrender Radler und Mountainbiker ist auf den schmalen Radwegen entlang der Donaustaufer Straße, Walhalla-Allee und Frankenstraße große Vorsicht geboten. Rotlichtverstöße werden im übrigen rigoros geahndet! 

Touch down: Glücklich angekommen in Regensburg. Von der Donaustaufer Straße über die Walhalla-Allee und Frankenstraße geht's zur Oberpfalzbrücke, von wo dann der triumphale Zieleinlauf erfolgt.

Trotz körperlicher Verausgabung steht für die meisten Teilnehmer fest: wir sind nächstes Jahr wieder dabei:-)