ADFC - Fahrradklimatest 2018

Der allgemeine Deutsche Fahrrad-Club e. V. (ADFC) führte 2018 zum achten Mal den ADFC-Fahrradklima-Test durch. Weltweit gilt die Befragung zum Radfahrklima als größte ihrer Art. Gefördert wird dies vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur aus Mitteln zur Umsetzung des Nationalen Radverkehrsplans (NRVP) 2020. Die Umfrage spiegelt alle zwei Jahre ein Stimmungsbild der Radfahrer in Deutschland wider, wie es um die Fahrradfreundlichkeit in Deutschlands Städten und Gemeinden tatsächlich bestellt ist. Demzufolge beurteilt der Befragtenkreis, wo Städte beim Radklima punkten bzw. wo etwaiger Nachgebesserungsbedarf besteht. Die gebündelten Alltagserfahrungen zeigen somit den politisch Verantwortlichen erforderlichen Handlungsbedarf auf.

Insgesamt beteiligten sich am Fahrradklima-Test (Abstimmungszeitraum 1. September - 30. November 2018) rund 170.000 Bürger, welche  683 Städte und Gemeinden bewerteten. Gegenüber der vorhergehenden Befragung 2016 entspricht dies eine 40 Prozent höhere Beteiligungsqoute.  Nichts desto trotz gilt die Umfrage nicht als repräsentativ, da sie keine Rückschlüsse wie z.B. auf Altersstruktur, sozialer Schicht oder Radnutzungsverhalten der Befragten erlaubt. 

Ernüchternde Ergebnisse

Die Umfrageergebnisse wurden vom ADFC am 9. April in Berlin vorgestellt, wobei der Radfahrverband diese grundsätzlich als ernüchternd einstuft und die schleppende Entwicklung der Infrastruktur sowie fehlende Impulse des Bundes anprangert. Die besorgte Grundhaltung fußt auf der Tatsache, dass das sich Fahrradklima, also die Zufriedenheit der Befragten beim Radfahren, nach Einschätzung der Teilnehmer zunehmend verschlechtert hat. Demnach wurde 2014 das Fahrradklima noch mit 3,7 bewertet, 2016 mit 3,8 und 2018 mit 3,9.

Besonders auffällig ist, dass sich Menschen beim Radfahren immer unsicherer fühlen (Note 4,2 gegenüber 3,9 in 2016). Der ADFC führt das mangelnde Sicherheitsgefühl auf zu schmale Radwege bzw. häufig fehlende Trennung von Rad- und Autoverkehr zurück. 81 Prozent der Befragten ist es wichtig oder sehr wichtig, vom Autoverkehr getrennt zu sein – unter Frauen wünschen sich dies sogar 86 Prozent. Damit hat sich nicht nur das Radklima in Deutschland sondern ebenso das Sicherheitsgefühl (4,16) verschlechtert.

Klar ist aber auch, dass die gefühlte Sicherheit zu einer der wichtigsten Schlüsselfaktoren überhaupt zählt. Ihr dominanter Einfluss entscheidet letztlich darüber, ob sich Menschen grundsätzlich für oder gegen das Fahrrad als Alltagsverkehrsmittel entscheiden. Der Bericht Subjektive Sicherheit im Radverkehr (Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur) bietet vertiefende Informationen zu diesem Thema.

Der ADFC-Fahrradklima-Test 2018 hat sich erstmals mit dem Thema Familien und Kinder eingehender beschäftigt. Hierdurch konnte die Familienfreundlichkeit von Städten und Gemeinden bewertet und die familienfreundlichste Stadt in Sachen Radverkehr ausgezeichnet werden. 74 Prozent der Befragten meinten, dass man Kinder nur mit schlechtem Gefühl allein mit dem Rad fahren lassen kann. In den Großstädten schnellt dieser Wert sogar auf 85 Prozent nach oben.

Der zu lasche Umgang mit Falschparkern ist Radfahrern ein Dorn im Auge. Der Missstand ist sogar das am meisten bemängelte Thema (Note 4,5). Besonders unzufrieden sind Radfahrende auch mit der schlechte Führung des Radverkehrs an Baustellen (Note 4,5). Ebenfalls schlecht bewertet werden ungünstige Ampelschaltungen für Radfahrer (Note 4,4) wie auch die fehlende Breite der Radwege (Note 4,4).

Besonders viel Unmut erzeugen diese Themen:

  • Falschparker auf Radwegen (Durchschnittsnote von 5,17 bei einer Skala von 1 bis 6)
  • Zu schmale Radwege (Note 4,86)
  • Die Verkehrsführung an Baustellen (4,83)
  • empfundedehe Benachteiligung bei Ampelschaltungen (4,80)

Die Verkehrswende, welche die Platzverteilung im öffentlichen Raum zugunsten der Radfahrer einschließt ist zwar beschlossene Sache, doch trotz Radwegeausgebau hat sich das Sicherheitgefühl der Radfahrer bislang nicht verbessert - ganz im Gegenteil. Dass die subjekte Einschätzung sehr realistisch ist macht der Blick auf aktuelle Unfallzahlen deutlich. Demnach stieg 2018 stieg die Zahl der Verletzten und tödlich verunglückten Radfahrer in Deutschland. Obwohl Millionen in den Radwegebau fließen, nimmt bundesweit der Frust der Radler zu. Daraus lässt sich ableiten, dass Investitionen angesichts des enorm gestiegen Straßenverkehrs im Gleichklang mit der Zunahme des Radverkehrs nicht Schritt hält, zumal völlig neue Nutzungsarten wie E- Bikes und E- Scooter die Radwege-Frequenz weiterhin steigert.

Dass Radwege sehr zu wünschen übrig lassen, hat am 17. Mai 2019 sogar Minister Scheuer höchstpersönlich auf dem Nationalen Radverkehrskongress eingestanden: "deshalb brauchen wir jetzt ganz schnell doppelt so viel Platz für den Radverkehr und breite, holperfreie Radwege in den Städten!"

Bild oben: ADFC-Vorsitzender Ulrich Syberg übergibt Bundesminister Andreas Scheuer Gesetztesentwurf.

Das allgemein herrschende Unsicherheitsgefühl spiegelt sich auch in der folgenden Meinung der Befragten wider, indem sie Verkehrsplanern und Politikern in ihren Städten und Kommunen mit der Schulnote von 4,2 ein miserables Zeugnis ausstellt. Fazit: eine sichere Infrastruktur wie sie für Autofahrer in Deutschland gang und gäbe ist, gibt es für Radfahrer de facto nach wie vor nicht. 

Städte-Ranking

Bremen, Karlsruhe, Göttingen, Bocholt, Baunatal und Reken gehen in ihrer jeweiligen Einwohner-Kategorie als Sieger der fahrradfreundlichsten Städte in Deutschland hervor. Die größte Überraschung des ADFC-Fahrradklima-Test 2018: der langjährige Platzhirsch Münster - als fahrradfreundlichste deutsche Stadt mit mehr als 100.000 Einwohnern - wurde von Karlsruhe (Gesamtnote 3,15) vom Siegespodest gestossen. 

Auszeichnung der fahrradfreundlichsten Städte und Gemeinden 

Bundesminister Scheuer zeichnete heute im Bundesverkehrsministerium als fahrradfreundlichste Städte und Gemeinden aus:

• Bremen (Note 3,5) in der Klasse der Städte über 500.000 Einwohner. Hannover (3,8) und Leipzig (3,9) auf Platz 2 und 3

• Karlsruhe (Note 3,1) in der Klasse der Städte über 200.000 Einwohner. Münster (3,3) und Freiburg (3,4) auf Platz 2 und 3

• Göttingen (Note 3,3) in der Klasse über 100.000 Einwohner. Erlangen (3,4) und Oldenburg (3,5) auf Platz 2 und 3

• Bocholt (Note 2,4) in der Klasse über 50.000 Einwohner. Nordhorn (2,6) und Konstanz (3,1) auf Platz 2 und 3

• Baunatal (Note 2,7) in der Klasse über 20.000 Einwohner. Ingelheim am Rhein (2,7) und Rees (3,0) auf Platz 2 und 3

• Reken (Note 2,0) in der Klasse unter 20.000 Einwohner. Wettringen (2,0) und Heek (2,4) auf Platz 2 und 3.

Städte-Ranking

Städte-Ranking Bayern

> 500,000 Einwohner (14 Städte - Mittelwert 4.08)

München Platz 6, Gesamtbewertung 3.99

Nürnberg Platz 7, Gesamtbewertung 4.20

200.000-500,000 Einwohner (25 Städte - Mittelwert 4.02)

Augsburg Platz 6, Gesamtbewertung 3.91

100.000-200,000 Einwohner (41 Städte - Mittelwert 4.08)

Erlangen Platz 2, Gesamtbewertung 3.39

Ingolstadt Platz 7, Gesamtbewertung 3.69

Regensburg Platz 13, Gesamtbewertung 3.96

Fürth Platz 18, Gesamtbewertung 4.00

Würzburg Platz 31, Gesamtbewertung 4.32

Auswertung Regensburg

50.000-100,000 Einwohner (106 Städte - Mittelwert 3.97)

Aschaffenburg Platz 28, Gesamtbewertung 3.82

Landshut Platz 30, Gesamtbewertung 3.84

Neu-Ulm Platz 35, Gesamtbewertung 3.87

Bayreuth Platz 36, Gesamtbewertung 3.87

Bamberg Platz 37, Gesamtbewertung 3.88

Schweinfurt Platz 68, Gesamtbewertung 4.10

Kempten Platz 88, Gesamtbewertung 4.26

Rosenheim Platz 93, Gesamtbewertung 4.32

Passau Platz 68, Gesamtbewertung 4.10

20.000-50,000 Einwohner (311Städte - Mittelwert 3.89)

Memmingen Platz 24, Gesamtbewertung 3.36

Günzburg Platz 47, Gesamtbewertung 3.50

Pfaffenhofen a.d.Ilm Platz 69, Gesamtbewertung 3.63

Lindau Platz 117, Gesamtbewertung 3.78

Germering Platz 120, Gesamtbewertung 3.79

Erding Platz 130, Gesamtbewertung 3.81

Wangen im Allgäu Platz 143, Gesamtbewertung 3.86

Puchheim Platz 163, Gesamtbewertung 3.92

Straubing Platz 167, Gesamtbewertung 3.93

Neumarkt i.d.Opf. Platz 171, Gesamtbewertung 3.94

Forchheim Platz 172, Gesamtbewertung 3.94

Dachau Platz 178, Gesamtbewertung 3.96

Ottobrunn Platz 182, Gesamtbewertung 3.99

Fürstenfeldbruck Platz 184, Gesamtbewertung 3.99

Weilheim i.OB Platz 199, Gesamtbewertung 4.03

Aichach Platz 202, Gesamtbewertung 4.04

Ansbach Platz 203, Gesamtbewertung 4.04

Amberg Platz 218, Gesamtbewertung 4.08

Landsberg am Lech Platz 227, Gesamtbewertung 4.11

Freising Platz 229, Gesamtbewertung 4.12

Olching Platz 244, Gesamtbewertung 4.19

Kaufbeuren Platz 249, Gesamtbewertung 4.20

Schwabach Platz 250, Gesamtbewertung 4.20

Gauting Platz 267, Gesamtbewertung 4.27

Coburg Platz 283, Gesamtbewertung 4.34

Starnberg Platz 298, Gesamtbewertung 4.46

Kulmbach Platz 310, Gesamtbewertung 4.73

Hof Platz 311, Gesamtbewertung 4.76

Statement von Andreas Scheuer 

Andreas Scheuer, Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur: „Der ADFC-Fahrradklima-Test gibt Städten und Kommunen Hinweise darüber, was sich die Menschen an Verbesserungen wünschen, um den Radverkehr noch attraktiver und sicherer zu machen. Deshalb fördern wir den Test seit mittlerweile acht Jahren. Die heutigen Preisträger zeigen: Langjähriges Engagement und konsequente Radverkehrsförderung in den Kommunen zahlen sich aus. Ich wünsche mir viele Nachahmer. Der Fahrradklima-Test zeigt den Städten und Kommunen auf, wo sie ansetzen können, um den Radverkehr vor Ort weiter zu verbessern. Um ein weit verbreitetes Missverständnis auszuräumen: Die Städte und Kommunen sind für die Kontrolle und die Radwege vor Ort zuständig. Das Bundesverkehrsministerium fördert Radwege an Bundestraßen, Radschnellwege, innovative Modellprojekte wie zum Beispiel zur Erprobung von Lastenrädern in Logistikketten, Abbiegeassistenten oder sogar Stiftungsprofessuren für die Forschung und die Ausbildung von Fachpersonal. Ich fordere die Kommunen auf, die Bundesmittel noch stärker zu nutzen. Das Bundesverkehrsministerium stellt 2019 allein rund 200 Millionen Euro Fördermittel für den Radverkehr bereit. Gemeinsam können wir das Fahrradklima mit neuen Maßnahmen wie attraktiven Radschnellwegen weiter verbessern.“

Mehr zu den Ergebnissen gibt es unter www.fahrradklima-test.de.

Der ADFC

Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club e.V. (ADFC) ist mit mehr als 175.000 Mitgliedern die größte Interessenvertretung der Radfahrerinnen und Radfahrer in Deutschland und weltweit. Er berät in allen Fragen rund ums Fahrrad: Recht, Technik und Tourismus. Politisch engagiert sich der ADFC auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene für die konsequente Förderung des Radverkehrs.

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Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club (Bundesverband) e. V. 
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