Nach der Saison ist vor der Saison 

Während Schönwetterfahrer ihr Gefährt zum Ende der Saison winterfest einmotten nimmt die Anzahl derer, die Wind, Kälte und Nässe die Stirn bieten und ihr „Ding“ unbeirrt durchziehen kontinuierlich zu. Bei Einheitsgrau, Eiseskälte, Regen Schnee und Graupelschauer rauscht natürlich die Lust zum Radeln in den Keller. Dass es dazu bei diffusem Tageslicht nicht leicht fällt in freier Natur am Ball zu bleiben und mithin Selbstüberlistungsstrategien bedarf versteht sich von selbst. Doch allen Unkenrufen zum Trotz bietet gerade die unwirtliche Jahreszeit lockeren Ausfahrten im Grundlagenausdauer-Modus (60-70 % der max. Herzfrequenz) entspannend inspirative Freiräume. Leistungsdrucksbefreit lässt sich nicht nur ein solides Fundament zum behutsamen Formaufbau erarbeiten, sondern Sport im Freien stärkt zudem das Immunsystem. Für Radsportler gilt die altbekannte Binsenweisheit, dass im Winter die Form gemacht wird, d.h. geht nicht gibts nicht, denn wer rastet der rostet.

Der mentale Zwist mit dem Ich

Sobald die ersten Nachtfröste einsetzen, Nebel die Landschaft verhüllt und atlantische Tiefdruckgebiete  über's Land ziehen hört für manchen Protagonisten der Kurbelspaß auf, sprich die Fahrradsaison ist gelaufen. Die kaltnasse graue „Saure-Gurken-Zeit“ macht es einem nicht einfach, draußen aktiv zu bleiben und seinen Allerwertesten auf den Sattel zu schwingen. Die Motivation, bei Minusgraden, Nebelschwaden und diffusem Licht auf matschigen, splittgestreuten Straßen oder Radwegen herum zu eiern, sinkt analog zu den widrigen Bedingungen. Je garstiger die Witterungsverhältnisse desto größer die Selbstüberwindung. Als spräche nicht ohnehin alles dagegen überhaupt einen Schritt vor die Türe zu machen, verpasst in der lichtschwachen Zeit das ausgeschüttete Schlafhormon Melatonin der Motivation zusätzlich einen Dämpfer. Idealer Nährboden für den inneren Schweinehund, der wirklich leichtes Spiel hat verführerisch nach Wohlfühlambiente zu schreien. Indoor oder Outdoor? Eine Frage, über dessen Für und Wider sich die Geister scheiden. Völlig normal, wenn der mentale Zwist zur nervigen Auseinandersetzung ausartet.

Um das nörgelnde "Mistvieh" namens innerer Schweinehund zum Schweigen zu bringen führt kein Weg an wohlig warmem Winter-Outfit vorbei, um mit Eiseskälte, Schnee, Eis und Regen Burgfrieden zu schließen. Stichwort Funktionskleidung: ohne adäquate Über- und Unterbekleidung läuft nichts. Sie ist Grundvoraussetzung um den aufmüpfigen inneren Schweinehund zu verscheuchen, denn eingepackt in kuschligwarmen High Tech Textilien holt man sich keine Frostbeulen mehr.

Selbst kälteempfindliche Körperpartien wie Hände, Füße oder das Gesicht lassen sich prima schützen, nötigenfalls mit Heizelementen an den Lenkergriffen bzw. Thermopads für Handschuhe und Schuhe. Bekommt man trotz Überziehschuhe kalte Füße oder Zehen haben Flatpedals gegenüber Klickies Wärme-Vorteile. Pedalliert man mit warmen Wanderschuhen, wird die Kältebrücke der Cleads von Klickpedalschuhen umgangen. Für besonders Kälteanfällige  oder wer an Durchblutungsstörungen in Händen/Finger bzw. Füße/Zehen leidet, kann sich mit beheizbaren Einlegesohlen, Socken und Rad-Handschuhe (mit einstellbaren, wiederaufladbaren Akkus) behelfen.

Gesundheitsaspekte

Selbst wenn Frau Holle ihre Flocken wirbeln lässt und Väterchen Frost zackig den Taktstock schwingt, muss man nicht zwangsläufig auf verschneite "Winter-Wonderland-Ausfahrten" verzichten oder stattdessen auf monotones Rollentraining ausweichen. Indoor-Cycling schön und gut, aber eine "Frischluft-Tour" hat für Körper, Geist und Seele eine vollkommen andere Qualität. Aus medizinischer Sicht gibt es jedenfalls keine Argumente, die gegen winterliche Aktivität im Freien sprechen. Ganz im Gegenteil, denn gerade in der Erkältungssaison stärkt Bewegungsaktivität in der Natur das Immunsystem und somit die Krankheitsabwehr, d.h. man radelt Krankheitserregern buchstäblich davon. Dies gilt jedoch nur unter der Prämisse, sofern man passend gekleidet ist bzw. für Pausen trockene Wechselkleidung dabei hat. Faustregel: ausreichend warm - aber nicht zu warm - einpacken (was in Anbetracht schwankender Temperaturen und Luftfeuchtigkeit sowie unbeständigem Wetter gar nicht so einfach ist). 

Herbst adé, hello Winter

Eiszeit muss wahrlich nicht Auszeit bedeuten. Dass dem so ist, beweist der sprunghafte Anstieg von Radfahrern, Mountainbikerm und Crossbikern, die sich von Nässe und Kälte partout nicht abschrecken lassen und ganzjährig aktiv bleiben. Winterbiking ist en vogue geworden, d.h. die Anhängerschar der Ganzjahresfahrer wächst unentwegt. Natürlich hängt die in erster Linie damit zusammen, dass die Sportbekleidungsindustrie ultraleichte atmungsaktive Funktionskleidung produziert, die perfekt vor Kälte, Schnee, Wind und Regen schützt. Hinzu kommen robuste Mountainbikes und Crossbikes, die auch bei winterlichen Bodenverhältnissen gigantischen Fahrspaß bereiten.

Zum anderen schlägt das relativ junge Segment der E-Mountainbikes (siehe Wintertipps am Seitenende) zunehmend durch, was den Anteil der Ganzjahresfahrer weiter pusht. Der E-Bike-Marktanteil am Gesamtfahrradmarkt (73 Mio.) lag laut Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) 2016 bei 15 % - Tendenz steigend. Erstmalig listet der ZIV die Stromer in Modellgruppen auf: E-City-/Urban 45%, E-Trekking 35,5%, E-MTB's 15%, E-Lastenräder 2,5%, schnelle E-Bikes 1% und Sonstige 1 %  am Gesamtmarkt der E-Bikes.

Auch traktionsfreudige MTB-Breitreifen befeuern den All-Season-Trend. Laut einer repräsentativen Forsa-Studie (Befragung von 1.500 Fahrradfahrern im März 2015) fahren 28% der Radfahrer auch im Winter, Rad/Bike, wobei es geographisch betrachtet große Unterschiede gibt. Während in Hamburg 38 % auf schlechtes bzw. kaltes Wetter pfeifen und sommers wie winters unerschütterlich in die Pedale treten sind es in Berlin und München lediglich 28%. Die Floskel "Es gibt kein schlechtes Wetter sondern nur schlechte Kleidung mag abgedroschen klingen, trifft aber heute mehr denn je den Nagel auf den Kopf. Insofern entlarven sich "vorgeschobene" Gegenargumente (im Zwiegespräch mit sich selbst) als blanke Ausrede. Radsportprofi Mark Cavendish: „Mir ist es egal, ob es regnet, ob die Sonne scheint, oder was auch immer: So lange ich Rad fahre, bin ich der glücklichste Mensch auf Erden.” 

Stimmungsgeladene Naturlandschaft

Wer das Radfahr-Spaßpotential bei frostigem Winterwetter im schneebedeckten Wald auf knirschendem Pulverschnee für sich entdeckt hat, weiß das stimmungsgeladene Naturerlebnis zu schätzen, von der heissen Dusche nach der Tour ganz zu schweigen. Die Natur im Winterkleid vom Sattel aus erleben, feines Kältekribbeln im Gesicht verspüren und sehen wie die kondensierte Atemluft - die durch das Aufeinandertreffen warmer Atemluft auf kaltfeuchte Außenluft entsteht - entweicht, führt einmal mehr vor Augen mit welch Freude man der kalten Jahreszeit positive Eigenschaften abgewinnen kann. Wer mit der Wintersaison also bislang auf Kriegsfuß stand tut gut daran, seinen Waffenstillstand mit der vierten Jahreszeit zu besiegeln. Also rein in die Klamotten, rauf auf den Sattel und ab ins Winter-Wonderland.

Thermokleidung - Zwiebelschalenlook

Das A&O beim Winterradeln ist wärmende, atmungsaktive Kleidung. Mit Funktionsunterhemd, Fliestrikot, Thermojacke, Windweste, warme Strümpfe, Winterschuhe, Handschuhe und Sturmhaube bleiben Nässe, schneidender Wind und Tiefsttemperaturen dem Körper fern. Eingemummelt in atmungsaktiver Funktionswäsche, Thermohose und einer winddichten Softshell-Jacke und/oder wasserdichtem Friesennerz schlägt man Frost und Feuchtigkeit ein Schnippchen. 

Clever nach dem Zwiebelschalprinzip kombiniert, zählt mehrlagige Funktionskleidung nach wie vor zur bewährtesten Methode für effektiven Kälte- und Nässeschutz. Übereinander getragene Kleidungsstücke leiten einerseits erzeugte Feuchtigkeit von der Haut nach außen ab und verhindern andererseits das Eindringen von Kältewellen und Nässe nach innen.  

Lage I Feuchtigkeitsregulation

Der krankheitsfördernde Kühlungseffekt verdunstender Feuchtigkeit (Schweiß) soll vor allem von der ersten Kleidungsschicht (Unterwäsche) in das darüber getragene Kleidungsstück weg geleitet werden. Das Unterhemd schützt den Körper vor dem Auskühlen, Infekten oder gar Nierenbeckenentzündung. Schweiß ist zwar essentieller Bestandteil der Temperaturregulation und schützt dadurch vor Überhitzung, andererseits kühlt zuviel Schweiß insbesondere bei längeren Abfahrten den Körper aus.

Lage II + x Wärmeisolation / Feuchtigkeitstransport

Um maximale Körperwärme zu gewährleisten, sind in Abhängigkeit der Wetterverhältnisse mitunter mehrere - mit aufgerauhter Innenseite -  (Langarm-) trickots erforderlich. Je nach subjektivem Empfinden verhelfen die Lagen bzw. wärmende Oberteile aus Fleece, Merinowolle und Co. zur körpereigenen Wohlfühltemperatur. Die mittlere Schicht hat die Aufgabe vor Kälte zu schützen und die Feuchtigkeit (Schweiß) durchzulassen. 

Lage III + x Wetterschutz

Die sogenannte "Außenhaut" übernimmt als letzte Kleidungsschicht die Wetterschutzfunktion. Dabei soll die Schutzschicht wasserabweisend und winddicht aber auch atrmungsaktiv sein. Dies erfüllen vorzugsweise witterungsbeständige, atmungsaktive Thermo- Wind- oder Regenjacken. Den optimalen Kompromiss zwischen Atmungsaktivität und Wasserundurchlässigkeit bieten hierbei Softshell-Jacken. Je wasserdichter die Beschichtung einer Regenjacke, desto weniger ist sie atmunagsaktiv.

Halstuch, warme, lange Socken, sowie Helmunterziehmütze /Sturmhaube gehören ebenso zur Winterausrüstung. Letzteres ist besonders wichtig, da die meiste Wärme über den Kopf abgegeben wird. Fäustlinge mögen zwar die Hände besonders warm halten, doch leider geht das Feingefühl beim Bremsen und Schalten verloren. Besser: neben den üblichen Fingerhandschuhe gibt es auch Zwei-Drei- oder Vierfinger-Handschuhe. 

  Nach Pausen (Einkehr) naß geschwitzte Unterbekleidung wechseln.

Neuralgische Kältezonen des Körpers

Zu den kälteempfindlichsten Körperpartien zählen die Füße, Hände bzw. Finger. Um die Hände vor dem kalten Fahrtwind zu schützen haben winddichte und wärmeisolierende Handschuhe oberste Priorität. Gleichfalls gehören in der nasskalten Jahreszeit wasserfestes Schuhwerk i.V. mit Überziehschuhen (Neopren), welche die Füße vor Regen- und Spritzwasser wirksam schützen, zur obligatorischen Winterausrüstung. Friert man an den Extremitäten kühlt innerhalb kürzester Zeit der gesamte Körper aus. Die Erklärung liegt in der Wärmeregulation des Körpers. Der ausgeklügelte Körpeschutzmechanismus ist Teil eines komplexen Wärmeregulationssystems, der ein Überleben in der Kälte zumindest für gewisse Zeitdauer gewährleistet. Um die Wärme an den lebenswichtigen Organen zu erhalten verengen sich die Blutgefäße in den Füßen und den Händen. Liegt die Durchschnittstemperatur von 36-37°C des Körperinneren bei 20°C Lufttemperatur, beträgt die Oberflächentemperatur der Hände und Füße dagegen nur 28 °C bis 33 °C. Somit wird die Temperatur der Extremitäten sowohl von der Durchblutung, also auch von der Außentemperatur beeinflusst. Deshalb fallen die Temperaturschwankungen der Extremitäten im Vergleich zum inneren Körper wesentlich stärker aus. Trotzdem versucht der Körper mittels Wärmeregulation einen Ausgleich zu schaffen. Die Wärmeregulation wird von sogenannten Thermorezeptorenan an den Gliedmaßen bzw. Extremitäten gemessen und anschließend im Zentralen Nervensystem sowie im Hypothalamus (Gehirn) ausgewertet. Sind die Extremitäten unterkühlt friert man also rasch am gesamten Körper.  

Im umgekehrten Fall können bei großer Hitze die Gliedmaßen (Arme, Beine) durch ihre große Oberfläche den gesamten Körper abkühlen, um ihn vor Überhitzung zu schützen. Hierbei werden die Blutgefäße erweitert und stärker durchblutet. Durch die Blutzirkulation kühlt es auch andere Bereiche im Körperinnern ab. 

Softshell-Jacken

Softshell-Jacken bestehen i.d.R. aus zwei oder drei laminierten Membranschichten und transportieren mehr Wasserdampf nach außen als klassische Hardshell-Jacken. Außen trotzen sie winddicht und wasserabweisend den klimatischen Elementen, während das flauschig angeraute Innenfutter die Körperwärme nicht nach draußen abstrahlt. Obendrein ist eine Softshell-Jacke deutlich leichter als das viellagige Zwiebel-System. Darunter kombiniert man die Außenhaut je nach Temperatur mit einem Trikot und dickerem Unterhemd. Ansehnlich gedresst sitzt man nicht mehr wie früher als aufgeplustertes Michelin-Männchen auf dem Sattel. Zumindet in diesem Gesichtspunkt ist die Zeit des Zwiebelschalenlooks geschält. 

Neuronales Belohnungssystem

Eine Winter-Tour hebt die Laune, fördert die Fitness und stärkt obendrein das Immunsystem. Die frische Luft bläst sprichwörtlich den Kopf frei und hält den Organismus in Schwung. Außerdem geht's dem Weihnachtsspeck an den Kragen. Kehrt man von einer Tour zurück und genießt unter der Dusche glückbeseelt den heißen Wasserstrahl auf den kalten Muskeln, springt unvermittelt das neuronale Belohnungssystem an und löst ein unbeschreibliches Glücks- und Zufriedenheitsgefühl aus. Gelinde gesagt fühlt man sich wie neu geboren. Der Suchtbazillus lässt grüßen, denn der Mensch kehrt schließlich dorthin am liebsten zurück, wo er am wirkungsvollsten seinen Stimulus findet. 

 Winterzeit ist Erkältungszeit. Wer gesundheitlich angeschlagen ist (z.B. grippaler Infekt, Erkältung) und sich unwohl fühlt, sollte auf überflüssige körperliche Belastungen verzichten, um das Immunsystem nicht zusätzlich zu schwächen. Vorsicht bei Glatteis und Sturm (Windbruch). Wegen des unkalkulierbaren Risikos ist vom Radfahren abzuraten.

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In diesem Sinne Happy Hours im Winter-Wonderland