Winter-Wonderland

Sobald erste Nachtfröste einsetzen, Nebel die Landschaft verhüllt und atlantische Tiefdruckgebiete über's Land ziehen hört für manchen Zweiradfan der Spaß auf, sprich die Saison ist gelaufen. Die kaltnasse „Saure-Gurken-Zeit“ macht es einem auch wirklich nicht einfach seinen Allerwertesten lustvoll auf den Sattel zu schwingen. Logisch, dass sich die Lust bei klirrender Kälte und diffusem Licht auf matschigen, splittgestreuten Straßen oder Radwegen herumzueiern in Grenzen hält. Je garstiger die Witterung, desto mehr schlägt es aufs Gemüt. Da braucht es schon eine gehörige Portion Selbstüberwindung, um den Fuß vor die Türe zu setzen. Zu allem Überdruß fördert die lichtschwache Zeit die Produktion des Schlafhormons Melatonin, weshalb die Antriebslust von Haus aus häufig mau ist. Dass es bei diffusem Tageslicht nicht leicht fällt, in freier Natur am Ball zu bleiben und mitunter sogar Selbstüberlistungsstrategien nötig sind ist völlig normal. Alles in allem Begleitumstände, die dem inneren Schweinehund in die Hände spielen und es ungemein erschweren die Komfortzone zu verlassen. Dieser ungebetene Zeitgenosse gauckelt uns verführerisch vor, dass es zum kuschligen Wohlfühlambiente keine Alternative gäbe. Im Zwist über Für und Wider sich aufzuraffen oder der Indoor-Verlockung wie z.B. Spinning im Fitnesscenter bzw. Rollentraining oder gar dem Nichtstun zu widerstehen hängt letztlich von der inneren Einstellung sowie Willenskraft und Entschlossenheit ab wohin das Pendel ausschlägt. 

Ist man zwiegespalten und hadert mit sich selbst - sprich die Entscheidung steht Spitz auf Knopf -  vermag die geistige Vorstellung, dass das Beste zum Schluss kommt eine "Null-Bock-Laune" vertreiben. Klar ist, dass man sich nach einer kräftezehrenden Tour körperlich zwar ausgelaugt fühlt, doch ebenso klar ist auch wie überraschend schnell ein überschwänglicher Stimmungsumschwung guter Laune Platz macht. Zurück im beheizten "Home-Castle" macht sich das Gefühl von Genugtung, innerer Zufriedenheit und Entspanntheit breit. Wie sagt so schön der Volksmund: "Ohne Fleiß kein Preis". Ein solches "Vorfreude-Kopfkino" schaufelt im doppelten Sinn Motivation auf die psychische wie mechanische "Antriebskurbel". Sich vorher auf das Hinterher zu freuen gehört eben auch zu einer schlauen Überwindungstaktik. Powern - Erleben - Spaß haben - Entspannen und Genießen, d.h. wer etwas geleistet hat, der hat sich zu Recht ein Verwöhnprogramm verdient. Die emotionale Belohnung steuert das Gehirn mitunter schon während der Ausfahrt bzw. nach der Aktivität mit einem berauschenden Hormon-Cocktail bei, dessen Wirkung unser psychisches wie physisches Wohlbefinden beeinflusst. Einerseits mindern freigesetzte Endorphine (körpereigenes Glückshormon) Erschöpfungssymptome, andererseits erlebt man gefühlsmäßige Höhenflüge. Umgarnt von solch positiven Aussichten, gepaart mit der Vorfreude auf eine warme Dusche, eine heiße Tasse Tee, Glas Glühwein, lukullische Freuden und entspanntes Couching oder Saunagang sollten die Würfel für ein "Roll-Out" endgültig gefallen sein.  

Während die einen ihr Gefährt winterfest einmotten schnellt die Anzahl derer die Wind, Eiseskälte, Einheitsgrau, Regen, Schnee und Graupelschauer die Stirn bieten ungeachtet dessen in die Höhe. Allen Unkenrufen zum Trotz bietet die unwirtliche Jahreszeit für lockere Ausfahrten im moderaten Belastungsbereich nicht nur ein inspiratives Erlebnis sondern ist zudem auch gesund, worüber sich Fachleute einig sind. Zahlreiche wissenschaftliche Nachweise sprechen für sich. Bewegungsaktivität in frischer Luft hält fit, der Bewegungsapparat bleibt in Schwung und obendrein werden die Abwehrkräfte gestärkt. Rüdiger Reer vom Deutschen Sportärztebund (DGSP) sagt: "Das Immunsystem wird gefördert".

Der sprunghafte Anstieg Hartgesottener, die sich von winterlichen Wetterkapriolen nicht abschrecken lassen zeigt, dass die Anhängerschar der Ganzjahresfahrer permanent zunimmt. Dafür sorgt zum einen die moderne Sportbekleidungsindustrie, ohnen dessen leichte, warme und atmungsaktive High-Tech-Textilien Radfahren im Winter mit Wohlfühleffekt kaum möglich wäre. Eingemummelt in warmer Funktionswäsche, umhüllt von einer winddichten Softshell-Jacke bzw. wasserdichten Regenjacke und bestückt mit Handschuhe, Sturmhaube und Winterstiefel perlt Kälte, Wind, Schnee und Regen wortwörtlich ab. 

Ebenso trägt die Zweiradindustrie dank innovativer Produktentwicklungen ihr maßgebliches Schärflein am Ganzjahresboom bei. Bike-Gattungen wie Cyclocrosser, Gravel- und Mountainbikes, die eine All-Season-DNA im Lastenheft stehen haben sind nicht nur für unterschiedlichstes Terrain und individuelle Ansprüche ausgelegt, sondern für unverwüstliche Wintereinsätze bestens geeignet. Ihre fabelhaften Fahreigenschaften garantieren jede Menge Fahrspaß. Ob Asphalt, Schotter, Wald- und Wiesenpfade, ob Schlamm, Matsch oder Eis, der vielseitige Einsatzbereich dieser Multi-Terrain-Talente kennt keine Grenzen. Die geländegängigen Alleskönner sind in der Tat echte "Allzweckwaffen", auf denen man sich nach Herzenslust austoben kann.

Was letzten Endes fahrbar ist wird meist weniger vom Material als vielmehr vom fahrtechnischen Können beschränkt. Doch auch diese Grenzen lassen sich verschieben zumal das Fahren auf glitschigem bzw. schneebedeckten Untergrund die fahrtechnische Performance äußerst effektiv trainiert. Das abverlangte Balancegefühl kombiniert mit der passenden Bewegungsmotorik schult gezielt die koordinativen Fähigkeiten.

Ein wichtiger Aspekt ist der, dass sich Fahrtechnik am effektivsten mit ungefederten Cross- oder Gravelbikes trainieren lässt. Überhaupt erleben Räder mit Rennlenkern und Breitbereifung einen regelrechten Hype. Während die aggressive Rahmengeometrie Cyclocrossern (Reifenbreite maximal 33 mm) ein äußerst agiles Fahrverhalten verleiht, spielen komfortablere Gravelbikes (Reifenbreite bis 50mm) ihre Stärken mehr auf der Langstrecke aus. Nicht ohne Grund starteten viele der weltbesten Profis wie Julian Alaphillippe, Zdenek Stybar, Wout Van Aert und Mathieu van der Poel ihre Karrieren auf Cyclossern. 

Am Rande bemerkt: im Hinblick des Klimaschutzes und der Mobilitätswende steigen immer mehr Menschen vom Schadstoff emittierenden Auto auf's umweltfreundliche Fahrrad, Lastenrad oder e-Bike um. Demzufolge nimmt die Zahl derer, die sich auch im Winter mit dem Zweirad fortbewegen um von A nach B zu kommen (z.B. Berufspendler, Alltagsradler) stetig zu, was dem Ganzjahrestrend zusätzlichen Auftrieb verschafft. 

Ungerührt dessen profitieren eingefleischte Rennradfahrer beim Umstieg ins Gelände in mehrfacher Hinsicht. Zum einen bereichert die Abwechslung fern vom Straßenverkehr ungemein und verbessert darüber hinaus die fahrtechnische Performance, zum anderen werden Muskelpartien trainiert die ansonsten wegen der relativ statischen Sitzposition auf dem Rennradsattel zu kurz kommen. Tipp: spezielle Stabilisierungsübungen der Rumpfmuskulatur steuern möglichen Dysbalancen vernachlässigter Oberkörpermuskulatur vor.

    Hand auf´s Herz, wer hat nicht schon mal die Durchhalteparole "Es gibt kein schlechtes Wetter sondern nur schlechte Kleidung" vernommen oder selbst flapsig in die Kollegen-Runde geraunt? So alt dieser Spruch auch sein mag, so bringt die abgedroschene Phrase die Wahrheit dennoch kurz und bündig auf den Punkt.

    Mit atmungsaktiver Sportkleidung, die für angenehmes Mikroklima auf der Haut sorgt und gleichzeitig optimalen Wetterschutz bietet lässt sich mit Frost und Nässe ohne weiteres Burgfrieden schließen. Will man unter Gleichgesinnten nicht als Warmduscher oder Weichei gelten, zeigt widrigen Bedingungen einfach die kalte Schulter. Denn eins ist klar: das Wetter als glaubhafte Ausrede hat längst ausgedient, seit Funktionstextilien eine feuchtigkeitsdurchlässige Schutzhaut samt angenehmen Tragekomfort bieten. Fazit: stellt man sich mental auf jahreszeitlich typische Gegebenheiten ein, verpasst man seinem aufmüpfigen inneren Schweinehund den Laufpass. 

    Werden gewisse Grundregeln beachtet spricht aus medizinischer Sicht nichts dagegen Outdoor-Sport zu treiben. Ganz im Gegenteil, gerade in der Erkältungssaison stärkt Bewegungsaktivität im Freien das Immunsystem, d.h. man radelt Krankheitserregern buchstäblich davon. Auch wenn Frau Holle ihre Flocken wirbeln lässt und Väterchen Frost zackig den Taktstock schwingt, muss man deswegen noch lange nicht auf monotones Rollentraining ausweichen. Indoor-Cycling schön und gut, aber eine Frischluftbrise mit energetischem Naturgenuss hat für Körper, Geist und Seele definitiv eine andere Qualität. Sie entfaltet als Frischzellenkur für den Organismus eine nachhaltige Wirkung. 

    Bewegungsaktivität beugt einem melancholisch angehauchten "Winterblues" vor, denn der Temperatur­unterschied zwischen Drinnen und Draußen hält den Geist wach, pusht die Laune und regt die Immun­abwehr an. „Sport im Winter wirkt gegen Winterde­pressionen“, sagt Professor Michael Deuschle vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit des Landes Baden-Württem­berg. Die einfache Erklärung liegt darin, dass im Freien Vitamin D getankt wird, das zu den wichtigsten Vitaminen für die Immunabwehr zählt. Überdies schütten wir durch körperliche Anstrengung Boten­stoffe aus, die Immun­zellen für etwaige Bakterien- und Viren­angriffe akti­vieren können. 

    Alles zu seiner Zeit

    Abgesehen davon, dass sportliche Höchstleistungen in der sogenannten "Off-Season" eher unangebracht sind ist man gut beraten kräfteschonend einen Gang zurück zu schalten, um die mentalen Akkus wieder aufzuladen. Nicht nur der Körper kann schlapp machen, sondern eine überlastete Psyche vermag sich ebenso zu einem leistungslimitierenden Faktor entpuppen. Schlussendlich braucht der Kopf nicht minder Auszeiten zur Entspannung. 

    Um nicht leichtfertig sein intaktes Immunsystem auf's Spiel zu setzen, sollte die Intensität als auch der Umfang der Belastung gemäßigt ausfallen, wenngleich es keine allgemeingültigen Patentrezepte - sprich "Königsweg" gibt. Je nachdem welche Saisonziele angepeilt werden orientiert sich das Trainingspensum und die Intensität in erster Linie am Leistungsvermögen, wobei Körpersignale den Takt vorgeben. Funkt wider Erwarten überbordender Ehrgeiz - sprich Ego - dazwischen und fordert auf Dauer zuviel Leistung bei gleichzeitig zu kurzer Regeneration, steigt die Gefahr des Übertrainings, das über kurz oder lang einen Leistungsabfall in Gang setzt (Selbstschutzmechanismus). Es ist vielversprechender, frei von psychischem Leistungsdruck aktiv zu bleiben. Gemütliche Fahrten im Grundlagenbereich ohne Pulsspitzen dominieren das Wintertraining, während Schnelligkeits- oder Kraftreize in Form hoch intensiver Belastung auf ein solides Grundlagenfundament erst im Frühjahr aufsetzen. Erfolgt Schritt für Schritt ein behutsamer Formaufbau, dann stehen unerwartete Leistungseinbrüche kaum zu befürchten. Wer in der nächsten Saison mit Elan wieder durchstarten möchte sollte es bedachtsam angehen, denn stark anzufangen um im Saisonverlauf stark nachzulassen dürfte wohl keiner beabsichtigen. 

    Selbst wenn man in klirrender Kälte warm und atmungsaktiv eingepackt ist lauern gesundheitsgefährdende Fallstricke. So wird z.B. häufig unterschätzt, wieviel Energie der physiologische Warmhalteprozess saugt. Da sich z.B. die Blutgefäße zusammen ziehen muss das Herz eine erhöhte Pumpleistung erbringen. Dazu die Kölner Dermatologin Dr. Uta Schlossberger: „Je kälter es wird, desto stärker ziehen sich die Blutgefäße zusammen, um die Wärme zu halten“. Infolgedessen fließt weniger warmes Blut durch die äußeren Hautschichten, was Hände und Füße auskühlen lässt.

      

    • Ungeeignete Kleidung (z.B. Baumwolle) bzw. Pausen in durchnässter Kleidung erhöhen das Unterkühlungs- und Infektrisiko 
    • Bei Kälte neigt die Muskulatur zu verkrampfen bzw. Gelenke und Bänder sind weniger geschmeidig, weshalb für den Muskel-, Sehnen- und Bänderapparat erhöhtes Verletzungsrisiko besteht
    • Wer gesundheitlich angeschlagen ist (z.B. grippaler Infekt, Erkältung) sollte kein Sport treiben, ansonsten wird das geschwächte Immunsystem zusätzlich strapaziert, was womöglich den Krankheitsverlauf verschlimmert bzw. verlängert
    • Atemwege reagieren auf trockene, kalte Luft empfindlich, daher möglichst durch die Nase und nicht den Mund atmen. Die Nase wärmt die kalte Atemluft an und befeuchtet sie, währenddessen durch den Mund eingeatmete kalte Trockenluft direkt in die Lunge strömt und diese reizt (Bronchien und Schleimhäute ziehen sich zusammen mit der Folge einer suboptimalen Sauerstoffaufnahme)
    • Heizungsluft reizt ebenfalls die Schleimhäute was sie anfällig für Bakterien und Viren macht. Viel trinken, dies hält die Schleimhäute feucht und durchblutet (bessere Bakterien- Viren-Abwehr)
    • Bei Lungenstechen Intensität verringern oder Aktivität abbrechen. Ansonsten droht Gefahr von Reizhusten, Bronchitis, Lungenentzündung
    • Nach Tourende schleunigst nassgeschwitzte Sportklamotten wechseln (trockene Kleidung): "Direkt nach dem Sport ist die Gefahr für Erkältungen am größten", sagt Rüdiger Reer vom Deutschen Sportärztebund (DGSP).

    • In der Kälte besser auf ein Warm-up / Cool-down verzichten (Erkältungsgefahr)  

    Mit der optimalen Bekleidungs-Zusammenstellung, die die Feuchtigkeit weiterleitet und die Körperwärme bindet, ist man gegen Wind und Wetter bestens gerüstet. Thermohose, Winterstiefel, Handschuhe und eine Haube/Mütze (über den Kopf verliert der Körper viel Wärme) komplettieren die Grundausstattung. 

     „Der Bundesgerichtshof hat entschieden, dass Radfahrer bei Sturzgefahr wegen Schnee oder Eis auf die Straße ausweichen dürfen“, erklärt Roland Huhn, Rechtsreferent des ADFC. Der Gehweg hingegen bleibe auch im tiefsten Winter den Fußgängern vorbehalten.

    Sonnenseiten des Winterradelns

    Sind die Sinne auf Empfang geschaltet, vermag man der kalten Jahreszeit wunderschöne Seiten abzugewinnen. Leises Knirschen des Schnees unter den Stollenreifen, die Atemkondensation der kristallklaren frischen Luft und die inspirierende Stille einer verschneiten Winterlandschaft versprühen ohne Zweifel ihren Reiz. Genussmomente, die den Kopf frei machen und Lebensfreude einhauchen. Abschalten und Eintauchen in die weiß gepuderte Naturlandschaft, dies vertreibt Alltagssorgen, Stress und Hektik. Die glücksberauschende Wirkung hat ihren guten Grund, denn Tageslicht gilt erwiesenermaßen als Muntermacher. Dabei wirkt schneebedeckte Landschaft sogar als "Lichtverstärker", da Schnee das Tages- bzw. Sonnenlicht reflektiert und somit die Strahlkraft erhöht. Jeder Sonnenstrahl den man in der dunkleren Jahreszeit erhaschen kann ist gesund, weil von November bis Februar erheblicher Lichtmangel herrscht. Sonnenstrahlen auf der Haut erhöhen den Vitamin D - Spiegel, was die Produktion des Hirnbotenstoffs Serotonin (Glückshormon) ankurbelt und sich demzufolge positiv auf die Gemütsverfassung auswirkt.

    Das sogenannte "Sonnenvitamin" ist für die Gesundheit des Menschen außerordentlich wichtig, da es - im Gegensatz zu anderen Vitaminen - nicht nur an vereinzelten Stoffwechselvorgängen sondern an der funktionalen Aufrechterhaltung des gesamten Organismus beteiligt ist. Vitamin D stärkt das Immunsystem (bessere Abwehrkräfte) und hat darüber hinaus auch Einfluss auf das Gehirn, das Nervensystem sowie das Herz-Kreislauf-System. 

    Hat man erst mal das Spaßpotential bei frostigem Winterwetter im schneebedeckten Wald auf knarzendem Pulverschnee für sich entdeckt, der weiß das stimmungsgeladene Naturerlebnis zu schätzen, von der heißen Dusche oder einem anschließenden Saunabesuch ganz zu schweigen. Die Natur im Winterkleid vom Sattel aus erleben, feines Kältekribbeln im Gesicht verspüren und sehen wie kondensierte Atemluft - die durch das Aufeinandertreffen warmer Atemluft auf kaltfeuchte Außenluft entsteht - entweicht, bleibt allein dieser Jahreszeit vorbehalten. Also rein in die Klamotten, rauf auf den Sattel und ab ins Winter-Wonderland.

    Die Wärmeregulation des Menschen

    Der menschliche Körper benötigt ununterbrochen eine relativ konstante Körpertemperatur von etwa 37 °C (Schwankungsbereich bis zu 1 °C). Bewerkstelligt wird der Wärmeaustausch über den Blutstrom, wobei Regulationsmechanismen trotz Außentemperaturschwankungen eine gleichbleibende Körpertemperatur gewährleisten. Als oberstes "Aufsichtsorgan" für die Aufrechterhaltung eines ausgeglichenen Wärmehaushalts fungiert der Hypothalamus (Zentrum der Temperatur- und Stoffwechselregulation), der die vegetativen Funktionen des Körpers steuert. Hierbei empfängt das Gehirnareal aus dem Organismus Informationen über Außen- und Innentemperatur (Thermorezeptoren) und regelt Istwert-Abweichungen sowie Sollwert-Vorgaben auf die "gewünschte" Körpertemperatur.

    Allerdings wird bei Temperaturverhältnissen zwischen dem Körperkern (lebenswichtige Organe genießen Priorität) und der Körperschale (Extremitäten) unterschieden. Droht der Körper auszukühlen, wird der Blutstrom der Körperschale (Gliedmaßen wie Hände/Finger, Füße/Zehen) reduziert, sodass sie gegenüber dem Körperkern stärker abkühlen. Der Temperaturunterschied zwischen Körperschale und Körperkerntemperatur kann bei extremer Kälte bis zu 9 °C betragen. Erkennbar ist dies z.B. an einer blassen Haut und bläulich verfärbten Lippen. Bei warmer Umgebungstemperatur erweitern sich wiederum die Gefäße in der Haut. Dann wird die Körperschale so gut durchblutet, dass sich die Temperatur der des Körperkerns annähert. Eine stabile und zuverlässige Regulation des menschlichen Energie- und Wärmehaushaltes ist für das Überleben unabdingbar.

    Die Wärmebildung kann insbesondere durch Muskelaktivität erheblich gesteigert werden und unter extremen Bedingungen einen Anteil von bis zu 90 % betragen. Falls erforderlich kann neben physischer Leistung (willkürliche Muskelaktivität) der Körper durch Kältezittern zusätzliche Wärme produzieren. Bei dieser unwillkürlichen Reaktion werden reflektorisch auch Antagonisten aktiviert was den Effekt der Wärmeproduktion steigert. Solange mit gewisser Belastungsintensität Sport betrieben wird sorgt die Muskelarbeit für viel thermische Energie. Aus diesem Grund besteht akute Erkältungsgefahr, sobald die sportliche Aktivität (Pause) unterbrochen wird, da der Körper ohne Muskelarbeit innerhalb kürzester Zeit auskühlt. Erst Recht, wenn die Kleidung nass geschwitzt ist, da der erkaltende Schweißfilm auf der Haut den Auskühlungsprozess erheblich beschleunigt (Muskelzittern wärmt, Schwitzen kühlt). Sind die Extremitäten unterkühlt friert man rasch am gesamten Körper.  

    Neuralgische Kältezonen des Körpers

    Zu den kälteempfindlichsten Körperpartien zählen Füße, Hände bzw. die Finger. Um die Hände vor dem kalten Fahrtwind zu schützen haben winddichte und wärmeisolierende Handschuhe oberste Priorität. Gleichfalls gehören in der nasskalten Jahreszeit wasserfestes Schuhwerk i.V. mit Überziehschuhen (Neopren), welche die Füße vor Regen- und Spritzwasser wirksam schützen, zur obligatorischen Winterausrüstung. Beginnen die  Extremitäten zu frieren, kühlt innerhalb kürzester Zeit der gesamte Körper aus. Der ausgeklügelte Körpeschutzmechanismus ist Teil eines komplexen Wärmeregulationssystems, der ein Überleben in der Kälte für eine gewisse Zeitdauer gewährleistet. 

    Um die Wärme an den lebenswichtigen Organen zu erhalten verengen sich die Blutgefäße in den Füßen und den Händen. Liegt die Durchschnittstemperatur des Körperinneren bei 37°C  kann die Oberflächentemperatur der Hände und Füße bei strengem Frost bis auf nur 28 °C absinken. Die Temperatur der Extremitäten wird sowohl von der Durchblutung als auch von der Außentemperatur beeinflusst. 

    Im umgekehrten Fall können bei großer Hitze die Gliedmaßen (Arme, Beine) durch ihre große Oberfläche den gesamten Körper abkühlen, um ihn vor Überhitzung zu schützen. Hierbei werden die Blutgefäße erweitert und stärker durchblutet. Durch die Blutzirkulation kühlt es auch andere Bereiche im Körperinnern ab. 

    Thermokleidung im altbewährten Zwiebelschalenlook

    Das A&O beim Winterradeln ist wärmende, atmungsaktive Kleidung. Mit Funktionsunterhemd, Fleecetrikot, Thermojacke, Windweste, warme Strümpfe, Winterschuhe, Handschuhe und Sturmhaube bleiben Nässe, schneidender Wind und Tiefsttemperaturen dem Körper fern. Clever nach dem Zwiebelschalenprinzip kombiniert, leiten übereinander getragene Kleidungsstücke einerseits die Feuchtigkeit von der Haut nach außen ab, andererseits verhindert es das Eindringen von Kälte und Nässe nach innen. Wer sich Schicht für Schicht kleidet gerät nicht nur weniger ins Schwitzen und schottet sich vor unangenehmen Witterungseinflüssen ab, sondern kann dementsprechend auch auf Wetter- und Temperaturschwankungen reagieren. Je nachdem entledigt man sich eines Kleidungsstücks oder zieht eins drüber. Ein weiterer positiver Effekt dieses Kleidungsprinzips ist der, dass die Luft zwischen den einzelnen Kleidungsschichten als zusätzlicher Wärmeisolator wirkt.

    Lage I Funktionsunterwäsche

    Funktionsunterwäsche auf der Haut bildet die erste Kleidungsschicht (Baselayer). Feuchtigkeitsregulierende Materialien wie beispielsweise Merinowolle oder Kunstfasergewebe vermeiden den krankheitsfördernden Kühlungseffekt verdunstender Feuchtigkeit (Schweiß). Merinowolle ist der Synthetikfaser klar überlegen, da das Garn hervorragend die Wärme speichert, zufriedenstellende Trocknungseigenschaften verfügt, juckfrei ist sowie einen raschen Abtransport von Feuchtigkeit garantiert. Multiple Eigenschaften, die für angenehmen Tragekomfort sorgen. Abgesehen vom ausgezeichneten Klimamanagement hinterlässt der Schweiß auf Merinowolle im Unterschied zu synthetischen Fasern kaum Geruchsspuren. Ideal ist die Kombination von Merinowolle & Polyester, da die Kunstfaser auf der Außenseite die Feuchtigkeit großflächig verteilt und deshalb das Material schneller trocknen lässt. Schwitzt man bei höherer körperlicher Belastung kühlt der Stoff, während bei niedriger Intensität bzw. Ruhephasen der Stoff isoliert und wärmt. 

    Alternativ eignet sich auch Kunstfaserbekleidung als Funktionsunterwäsche, auch wenn die Fasern rascher kühlen als Merinowolle. Unterwäsche, die effektiv Schweiß abtransportiert und somit den Körper vor dem Auskühlen schützt beugt wirksam einer Erkältungs- bzw. Infektgefahr vor. Schweiß ist zwar essentieller Bestandteil der Temperaturregulation die zwar vor Überhitzung schützt ist aber bei längeren Abfahrten oder Stillstandzeiten mit dem Nachteil behaftet, dass der Körper rasch auskühlt. 

     Baumwolle ist aufgrund der hohen Feuchtigkeitsaufnahme als Sportbekleidung gänzlich ungeeignet.

    Lage II + X Wärme-Isolation 

    Um angenehme Körperwärme zu gewährleisten, sind mitunter mehrere - mit aufgerauhter Innenseite -  (Langarm-) trickots erforderlich. Dicht gewebte Stoffe mit vermehrtem Materialeinsatz speichern mehr Wärme und verbessern somit den Kälteschutz. Die mittlere Schicht (Midlayer) hat die Aufgabe einerseits vor Kälte zu schützen andererseits und die Feuchtigkeit (Schweiß) durchzulassen. Sie fungiert demnach hauptsächlich als Wärme-Isolationsschicht. Wie viel Isolation nötig ist, bemisst sich nach der sportlichen Intensität, der Außentemperatur sowie dem subjektiven Kälteempfinden. Die Wahl reicht von leichten Midlayer-Shirts, Fleecejacken bis hin zu mehr oder weniger dicken Isolationsjacken. Durch den Einsatz winddichter Membranen bzw. Softshell-Materialien an windanfälligen Stellen bleibt der Körper auch effektiv von eiskaltem Gegenwind abgeschirmt. Wichtig ist nur, bei allen Kleidungsstücken hinsichtlich der Atmungsaktivität und Feuchtigkeitsaufnahme auf die Funktionalität der Materialien zu achten.

    Lage III Wetterschutz

    Die sogenannte "Außenhaut" übernimmt als dritte (äußere) Kleidungsschicht die Wetterschutzfunktion. Ein Membraneinsatz vermag zuverlässig Wind, Regen und Kälte zu absorbieren. Neben der wasserabweisenden und winddichten Funktion soll gleichzeitig die Atrmungsaktivität gewährleistet sein, damit überschüssige Wärme und Feuchtigkeit entweichen kann (atmungsaktive Thermo- Wind- oder Regenjacken). Softshell-Jacken bieten hierbei den besten Kompromiss zwischen Atmungsaktivität und Wasserundurchlässigkeit. Kompromiss deshalb, weil zwischen beiden Faktoren ein Zielkonflikt besteht, denn umso wasserdichter die Beschichtung desto weniger ist die Jacke atmungsaktiv. Grundsätzlich gilt: Bei trockenem Wetter ist eine winddichte Softshelljacke erste Wahl, da das Material in aller Regel eine bessere Atmungsaktivität bietet als sogenannte Hardshelljacken. Softshell-Jacken bestehen i.d.R. aus zwei oder drei laminierten Membranschichten und transportieren mehr Wasserdampf nach außen als klassische Hardshell-Jacken. Hochwertige Jacken sind winddicht und wasserabweisend bzw. wasserdicht und verhindern durch flauschig angerautes Innenfutter, dass Körperwärme nach draußen abstrahlt. Aufgrund komplexer Membranfunktionen weisen modische Jacken heutzutage trotz dünnerer Fütterung eine bessere Wärmeisolation auf als früher. Dies ist auch der Grund, warum das unansehnliche Erscheinungbild aufgeplusterter Michelin-Männchen der Vergangenheit angehört.  

    Regenschutzkleidung

    Als wichtigster Indikator für Regenbekleidung gilt die Angabe der Wassersäule, die Aufschluss über die Dichtheit gibt. Die Wassersäule beschreibt die Wasserdurchlässigkeit in der Maßeinheit von Millimetern und gibt den Wasserdruck an ab wann das Material wasserdurchlässig wird. Laut EN-Norm gilt ein Material mit einer Wassersäule ab 1300 Millimetern gemeinhin als wasserdicht. Unterhalb dieses Grenzwertes gelten Materialien allenfalls wasserabweisend, welches Feuchtigkeit nur bedingt bzw. für kürzere Dauer abhalten kann. Allerdings machen erst versiegelte Nähte und Reißverschlüsse eine Regenbekleidung wasserdicht, weil sonst an diesen Schwachstellen Nässe eindringt. Hochwertige Regenjacken verfügen eine Wassersäule von 5.000 bis 20.000 Millimeter. Problem: je höher die Wasserdichtigkeit desto schlechter die Atmungsaktivität. Soll keine Nässe eindringen und gleichzeitig die beim Schwitzen entstehende Feuchtigkeit nach außen transportiert werden erfordert es komplexe Materialien. Leider hat eine ausgeklügelte Membrantechnik und der hochwertige Materialeinsatz ihren Preis.

    Elastisches und atmungsaktives Gewebe schützt vor Wind, Kälte und Nässe. Membranen wie z.B. Sympatex oder das weit verbreitete Gore-Tex-Material schützen wirksam vor eindringender Nässe und gewährleisten gleichzeitig eine gute Atmungsaktivität. Alternative Beschichtungen aus Polyurethan (PU-Beschichtung) sorgen für gewünschten Abperleffekt. Dazu kommen Imprägnierungen, die jedoch nur dann umweltfreundlich sind wenn die Hersteller auf gesundheitsschädliche Fluorcarbone (PFC) verzichten.

    Accessoires für den Winter-Radlspaß 

    Neben einer wintertauglichen Radbekleidung stehen für Allwetterfahrer einige unverzichtbare Accessoires im Lastenheft. Während die Belüftungsschlitze des Fahrradhelms im Sommer für gute Belüftung sorgen, ist der kalte Luftstrom ums Haupt im Winter unvorteilhaft.

     Duschhaube über den Helm stülpen, dies unterbindet sowohl den kanalisierten kalten Luftzug als auch durchsickerndes Regenwasser. Kopf bzw. die Mütze oder Sturmhaube bleiben vor Nässe von oben geschützt. 

    Halstuch, warme, lange Socken, sowie Helmunterziehmütze /Sturmhaube gehören ebenso zur professionellen Winterausrüstung. Letzteres ist besonders wichtig, da die meiste Wärme über den Kopf abgegeben wird. Fäustlinge mögen zwar die Hände besonders warm halten, doch leider geht das Feingefühl beim Bremsen und Schalten verloren. Besser: neben den üblichen Fingerhandschuhe gibt es auch Zwei-Drei- oder Vierfinger-Handschuhe. 

    Selbst kälteempfindliche Körperpartien wie Hände, Füße oder das Gesicht lassen sich prima schützen, nötigenfalls mit Heizelementen an den Lenkergriffen bzw. Thermopads für Handschuhe und Schuhe. Bekommt man trotz Überziehschuhe kalte Füße oder Zehen haben Flatpedals gegenüber Klickies Wärme-Vorteile. Pedalliert man mit warmen Wanderschuhen, wird die Kältebrücke der Cleads von Klickpedalschuhen umgangen. Für besonders Kälteanfällige  oder wer an Durchblutungsstörungen in Händen/Finger bzw. Füße/Zehen leidet, kann sich mit (beheizbaren) Einlegesohlen, Hot-Pack unter den Socken und Rad-Handschuhe mit einstellbaren, wiederaufladbaren Akkus behelfen. 

      Nach Pausen (Einkehr) naß geschwitzte Unterbekleidung wechseln.

    Neben einer wintertauglichen Radbekleidung ist die gute Sichtbarkeit auf der Straße bzw. Radwegen lebenswichtig. Um in der früh einsetzenden Dämmerung bzw. schlechten Sichtverhältnissen oder in der Dunkelheit von anderen Verkehrsteilnehmern rechtzeitig wahrgenommen zu werden, erhöht Kleidung mit Reflektorbesatz, Speichenclips, Reflektionsbänder und Sicherheitswesten signifikant die Sichtbarkeit, d.h. die Sicherheit.  Fahren mit Licht - auch tagsüber - erhöht ebenfalls die Sicherheit. Zusätzlich lassen sich Rot-Leuchten an Rucksack, Helm oder Kleidung befestigen. Die Lichtausbeute moderner LED-Leuchten ist in aller Regel sehr hoch. Schwach leuchtende "Funzeln" gehören  entsorgt, zumal LED-Lampen erschwinglich geworden sind. 

     Für mehr Sichtbarkeit sorgt z.B. das „Nightblade“ von SKS Germany, denn der Ansteck-Spritzschutz mit Quick-Release-Befestigung fürs Hinterrad verfügt ein integriertes Rücklicht (Akku per USB-Stecker aufladbar). Dank eines verstellbaren Frontspoilers und einem langen Backspoiler bietet es einen wirksamen Schutz gegen Spritzwasser. 

    Neuronales Belohnungssystem

    Eine Winter-Tour hebt die Laune, fördert die Fitness und stärkt obendrein das Immunsystem. Die frische Luft bläst sprichwörtlich den Kopf frei und hält den Organismus in Schwung. Außerdem geht's dem Weihnachtsspeck an den Kragen. Kehrt man von einer Tour zurück und genießt unter der Dusche glückbeseelt die heißen Wasserstrahlen auf den kalten Muskeln, springt unvermittelt das neuronale Belohnungssystem an und löst ein unbeschreibliches Glücks- und Zufriedenheitsgefühl aus. Gelinde gesagt fühlt man sich wie neu geboren. Der Suchtbazillus lässt grüßen, denn der Mensch kehrt schließlich dorthin am liebsten zurück, wo er am wirkungsvollsten seinen Stimulus findet. 

    In diesem Sinne, raus aus der Komfortzone und rein ins Vergnügen. We wish you happy hours im Winter-Wonderland!