MIT DEM RAD AUF HISTORISCHE EISENBAHNSPURENSUCHE 

Geschichte 

Der Bahnbau vom 19. Jhrd. bis Anfang 20. Jhrd. schaffte nicht nur Arbeitsplätze sondern förderte im „Eisenbahnzeitalter“ die Wirtschaftskraft betroffener Einzugsbereiche. Infolge eines Bahnanschlusses konnten sich Industrieansiedlungen entwickeln, Güter transportiert werden, Einheimische ferne Arbeitsplätze erreichen bzw. „Fremde“ (Sommerfrischler) in landschaftlich reizvolle Gegenden gelangen. Insbesondere abgelegene, bäuerlich geprägte Kulturlandschaften profitierten von dieser Entwicklung.

 

Das Verkehrsmittel legte den „Grundstein“ zum heutigen „Tourismus“, da ehemals unerreichbare Entfernungen durch die - für damalige Verhältnisse hohe Geschwindigkeit - plötzlich schrumpften. Der technische Fortschritt öffnete das Tor zum Reisen, um sich in entlegener Naturidylle fern von industrialisierten Ballungsräumen vom körperlich schweren Arbeitsalltag zu erholen. Auf jenen Spuren, wo heute mit einem Selbstverständnis geradelt wird als sei das niemals anders gewesen, eröffneten Eisenbahnlinien den Menschen einst eine vollkommen neue Dimension von Raum und Zeit. Den im Dunstkreis früherer Dörfergemeinschaften verhafteten Menschen stand mit Streckeneröffnung plötzlich „die Welt“ offen. Waren vor dem Eisenbahnzeitalter Entfernungen mühsam und zeitintensiv noch zu Fuß, auf einem Fuhrwerk oder Postkutsche zu bewältigen, so trug der Eisenbahnbau zu erheblichen wirtschaftlichen Umwälzungen und sozialen Veränderungen bei. Was die damaligen „Stahlrösser“ anbelangt, so wogen Fahrräder mit Vollgummireifen (Militärräder) um die Jahrhundertwende noch über 40 kg. Überdies waren sie fast unerschwinglich. 

Bahntrassen - Umnutzung

Radler wissen die Vorzüge einer Bahntrassierung zu schätzen. Umfunktionierte Eisenbahntrassen vereinen nämlich mehrere Vorteile: die Natur und Logik der „Technik“ zwang Ingenieure um die Jahrhundertwende, topographisches Streckenprofil möglichst gleichmäßig zu nivellieren. Schließlich mussten Dampfloks mit Kohlentender, Wassertank und schweren Waggons im Schlepptau unter Volldampf die Anstiege bezwingen. Die trassierte Einebnung der Landschaftsreliefs entpuppte sich 100 Jahre später für den neuzeitlichen Radwegebau - und damit für deren Zielgruppe - als wahrer Segen.

So weisen Radwege auf ehemaligen Bahnstrecken selbst in Mittelgebirgen wie z.B. Bayerischer Wald, Frankenwald, Fichtelgebirge, Spessart, Rhön und das Voralpenland trotz bergiger Topographie komfortable Streckenprofile auf. Für entspannenden Kurbelspaß zählt dies umso mehr zur elementaren Grundvoraussetzung, je geringer die Fitness ausgeprägt ist. Steilheit fällt auf ehemaligen Bahnstrecken sprichwörtlich flach - letztlich das charakteristische Merkmal des Bahntrassenradelns schlechthin.
Dank instand gesetzter Brückenbauwerke / Viadukte pendeln Anstiege i.d.R. zwischen 1-3%. Die "Profilglättung" senkt Tritt- und Energieleistung was wiederum die Tagesreichweite steigert und zudem größere Höhendifferenzen ermöglicht. Ob E-Bike oder klassisches Rad, entschärfte Streckenprofile kommen besonders leistungsschwächeren Fahrern entgegen, um in entlegene Winkel der Natur - selbst im kupierten Mittelgebirgsterrain - mit Muskelkraft vorzustoßen. Familien, Senioren, Pedalleure mit Radanhänger - E-Biker - jeder kann seinem Hobby erlebnisorientiert frönen. Oft zeichnen sich die Streckenverläufe dadurch aus, dass Bahntrassenradler fernab von den Brennpunkten der Verkehrswege Regionen / Standorte erreichen, die für Autos unzugänglich sind. Hinter dieser Tatsache verbirgt sich ein besondere Reiz. In besonderem Maße gilt dies für ehemalige Local-, Stich-, und Nebenbahnen, deren Linien schwach besiedelte Naturlandschaften durchkreuzen. Weiterer Vorteil: die Wegführung erklärt sich ähnlich der Fluss-Radwege wie von selbst. Geländeeinschnitte, Bahndämme, Brückenbauwerke geben die Richtung der verkehrsfreien Trasse vor. Somit bleibt Zeit zum Träumen, Nachdenken und Philosophieren. Dasselbe Spiel bei smoothen Gefällpassagen, wo das Rad - angetrieben von der Schwerkraft - ohne Pedaldruck wie ein Perpetuum Mobile lautlos dahin gleitet. 

Nicht selten erinnern wiederbelebte, restaurierte Bahnhöfe, Tunnel, Viadukte, Signalanlagen, Kilometersteine, Telegraphenmasten an die nostalgische Eisenbahnvergangenheit des 19./20. Jahrhunderts. Dieser besondere Erlebniseffekt macht neben sanft gewellten Höhenprofilen den Unterschied zu landläufigen Radwegen aus. Gottlob berücksichtigten weitsichtige Planer zuweilen, Relikte aus dem Eisenbahnzeitalter nicht abzureißen bzw. zurückzubauen sondern sie der „Nachwelt“ als sichtbare Zeugnisse vergangener Zeiten zu erhalten.

Deshalb säumen ab und an liebevoll restaurierte Waggons, Loks, Bahnschranken, Signalanlagen und Prellböcke den Rand früherer Gleiskörper. Rast- und Spielplätze mit Unterstellgelegenheit, Infotafeln die Auskunft über die Streckenhistorie geben, gehören zum Standard moderner Infrastruktur. Damit erfährt der Radler ganz nebenbei viel Wissenswertes über die Region aus früherer Zeit. Eine derartige Inszenierung der Eisenbahnvergangenheit rüttelt das Bewusstsein Schritt und Tritt wach, auf welch geschichtsträchtigem Boden man sich fortbewegt. Jede Unter- oder Überquerung historischer Brückenbauwerke bzw. Tunneldurchquerungen stellt die Rückblende zur Vergangenheit her. Zum absoluten Höhepunkt der Zeitreise gerät der Einkehrschwung, wenn umfunktionierte Bahnhofsgebäude, dem Leib und Wohl rastender Radler dienen. Summa summarum sind es die sehr speziellen Erlebnismerkmale, welche das Radeln auf Bahntrassen, spannend, liebenswert und unverwechselbar machen.

 Das Walhalla-Bockerl (Film Südwestrundfunk)

Streckenlängen-Ranking der Bahntrassen-Radwege in Ostbayern

Grob geschätzt verlaufen in Bayern ca. 900 km Radwege auf stillgelegten Bahntrassen, wovon sich die längsten Bahntrassen-Radwege in der Oberpfalz und Niederbayern befinden.

Bockl-Radweg (Neustadt a.d.Waldnaab - Eslarn, 50 km)

Bayerisch-Böhmischer Freundschaftsweg (Teilabschnitt Wölsendorf-Schönsee, 46 km)

Donau-Ilz-Radweg(Niederalteich - Kalteneck, 46 km)

Donau-Regen-Radweg(Bogen - Miltach, 38 km)

Falkenstein-Radweg(Regensburg/Gonnersdorf - Falkenstein, 36 km)

Adalbert-Stifter-Radweg(Teilabschnitt Haidmühle - Waldkirchen, 27 km)

Donau-Wald-Radweg (Teilabschnitt Obernzell-Wildenranna, 8 km, ehemalige Zahnradbahn, Steigung bis zu 8% von Obernzell (290 m.ü.NN) nach Untergriesbach (540 m.ü.NN.) 

Bockerlbahn-Radweg (Teilabschnitt Landau a.d.Isar - Arnstorf, 25 km)

Fünf-Flüsse-Radweg(Teilabschnitt Amberg/Haselmühl - Schmidmühlen, 20 km)

Regental-Radweg (Teilabschnitt Blaibach/Kreuzbach - Viechtach, 15 km)

Schwarze-Laber-Radweg(Teilabschnitt Sinzing - Alling, 6 km)

Genussradwandern - entschleunigte Mobilität der gesunden Art

Radeln auf ehemaligen „historischen Eisenbahntrassen“ umgeben von weitgehend unberührter Naturlandschaft fördert die Entspannung und Regeneration in unserer stressgeplagten Zeit. Wer seinen "Tempomat" auf Wohlfühlmodus dimmt, vermag frische Energien für den kräftezehrenden Alltag schöpfen. Die bewusste Wahrnehmung, sein Freizeitvergnügen im Hinblick auf Achtung der Kulturgüter bzw. „Heimatgeschichte“ auszuüben, zeugt von Respekt gegenüber der Schaffenskraft unserer Vorfahren. So bitter Bahnstreckenstilllegungen aus Wirtschaftlichkeitsgründen damals waren (in den 70 er, 80er und 90 er Jahren wurden jährlich durchschnittlich 400 km Schienenweg wegrationalisiert) – leistet der Radtourismus heute vor allem in ländlichen Gegenden einen wichtigen Beitrag zur wirtschaftlichen Prosperität.

Relation von Geschwindigkeit, Raum und Zeit

Stellte damals der radikale Geschwindigkeitszuwachs für die Menschen einen unvorstellbaren Quantensprung dar, so blieb die Zeit dennoch nicht stehen. Ein Vergleich mit der heutigen Mobilität zeigt anschaulich, wie weit die Entwicklung voranschritt. Bedenkt man, dass um die Jahrhundertwende die Durchschnittsgeschwindigkeit vieler Lokalbahnen niedriger war, als die von heutigen Radlern, wird die Dimension von Entfernung und Zeit nachvollziehbar. So wurde die Höchstgeschwindigkeit z.B. des "Falkensteiner Bockerls" (Gonnersdorf bei Regensburg nach Falkenstein) nur in wenigen Passagen erreicht.

 

 

 

 

Auch während der Winterzeit zieht es Outdoorsportler auf Bahntrassen-Radwege. Nicht auf Rädern sondern mit angeschnallten Langlaufski. Da bei Schneelage ohnehin „radfreie“ Zeit ist, ergänzen gespurte Loipen idealerweise die touristische Nutzung und erhöhen durch die „Ganzjahresnutzung“ die Synergieeffekte des Bahntrassen-Radweges. 

 

Was früher einmal zum Transport von Mensch und Gütern vorbehalten war, bietet heute Tourenradlern vielfältigste Entfaltungsmöglichkeiten, um mit der Natur in Einklang zu kommen und sein seelisches Gleichgewicht zu finden. Eben weil das Bahntrassenradeln derart viele Vorzüge in sich vereint, erklärt es die enorme Beliebtheit unter den Zweiradfans.

 

Publikationen

Bahntrassenradeln Teil I

Bahntrassenradeln Teil II 

Bahntrassenradeln Teil II 

Bahntrassenradeln Teil IV

 

Eisenbahngeschichte 

300 Bahntrassen-Radwege 
www.bahntrassenradeln.de

Literatur
http://www.morsak-verlag.de/

http://www.falkensteiner-bockerl.de/

http://www.passauer-eisenbahn.de/