Nahrungsergänzungsmittel

Nährstoffbedarf und Bedarfsdeckung spielen im Leistungssport naturgemäß eine wichtige Rolle. Da bleibt es nicht aus, sich neben Trainingsoptimierung und Ernährungsfragen auch über stoffwechselsteigernde Substitutionsmethoden zu informieren. Gemeint sind Nahrungsergänzungsmittel deren proklamierte Unverzichtbarkeit der Verbraucher in hohem Maß Glauben geschenkt. Deshalb boomt der Markt zur Supplementierung seit Jahren. Wie der Begriff besagt, soll die Ernährung ergänzt bzw. Flüssigkeits- und Mineralienverlust ausgeglichen werden (Substitution im engeren Sinn). Üppige Verkaufsflächen in den Sortimentsregalen der Lebensmittel-Discounter, Drogeriemarktketten usw. zeugen vom florierenden Geschäft der Nahrungsergänzungsmittel. Gleichgültig ob Vitamine, Mineralien oder pflanzliche Substanzen - Nahrungsergänzungsmittel sind "hipp", und liegen absolut im Trend. Auffällig nur, welch unzureichendes Interesse bzgl. Inhaltsstoffe, Herkunft oder mögliche Nebenwirkungen solcher Produkte beim Kundenklientel besteht, geschweige wie selten ein Arzt zu Rate gezogen wird. Ärzte würden sich beim Konsumverhalten mehr Eigenverantwortung wünschen.

Werbeversprechen - geschickt verpackt als Verbraucheraufklärung - wecken Bedürfnisse und nutzen die Gutgläubigkeit der Konsumenten aus. Ob Nahrungsergänzungsmittel sinnvoll sind bzw. diese wahrheitsgemäß halten was vollmundige Werbeslogans versprechen, darf indes ernsthaft bezweifelt werden. Ernährungswissenschaftler weisen gebetsmühlenartig darauf hin, dass bei ausgewoger Ernährung eine Nahrungsergänzung vollkommen überflüssig ist. Nicht zuletzt auch deshalb, weil das Wirkungspotential von Nahrungsergänzungsmittel höchst umstritten ist. Manche Produktverpackung enthält sogar fairerweise den Hinweis, dass Nahrungsergänzungsmittel kein Ersatz für eine abwechslungsreiche und ausgewogene Ernährung bzw. gesunde Lebensweise ist. Zahlreiche Untersuchungen wiesen den Supplements mehr Placebo-Effekte denn positive Wirkung nach. Horst Pagel, Physiologe der Universität Lübeck urteilt über Nahrungsergänzungsmittel: „sie halten nicht, was sie versprechen, sind teuer und unberechenbar“. Die Produkte mögen der Gesundheit vielleicht nicht zu schaden, doch die eigentliche Gefahr lauert in der äußerst komplexen bedarfs- und zeitgerechten Dosierung. 

Als wäre Leistungssteigerung bzw. beschleunigte Regeneration - wie Werbeversprechen der Nahrungsergänzungsmittel-Industrie glaubhaft machen wollen nur mit Energy- und Recovery-Drinks, Powerriegel und Mineralstoffkonzentrate möglich, wird allerlei konsumiert, um möglichst breit gestreute Wirkkomplexe abzudecken. Dass den viel gepriesenen Mineralstoff- und Vitaminpillen der wissenschaftliche Effizienznachweis fehlt, scheint dem profitablen Wachstumsmarkt (Umsatz 2014 ca. 970 Mill. €) nicht sonderlich zu beeinträchtigen. Überhaupt ist ein Wirksamkeitsnachweis für Nahrungsergänzungsmittel gesetzlich nicht vorgeschrieben, wobei dieser ohnehin schwer zu führen wäre. Umso leichter fällt es Marketingstrategen, gebetsmühlenartig das Mantra ihrer unverzichtbaren Wunderpillen zu predigen. Somit bleibt die Frage des effektiven Nutzen bzw. behaftete Risiken unberührt, d.h. die wenigsten Käufer sind ernsthaft an der Wahrheit interessiert. Dazu Prof. Dr. Burkhard Göke (Ärztlicher Direktor der Universitätsklinik Eppendorf) der sich mit Verdauungs- und Stoffwechselerkrankungen beschäftigt gegenüber n-TV: "Es gibt quasi beim Verbraucher gar kein Bewusstsein dafür, dass in bester Absicht eingenommene Mittel erhebliche gesundheitliche Schäden anrichten können".

Eine Untersuchung der Lamprecht und Stamm Sozialforschung und Beratung AG, Zürich, als 2007 ca. 2500 Freizeitsportler zu ihrer sportlichen Aktivität sowie dem Konsum und Bezugsquellen von Supplementen, bzw. zum Gebrauch von Medikamenten und Dopingsubstanzen befragt wurden ergab, dass "nur eine Minderheit der Befragten keinerlei Ergänzungsprodukte zu sich nahm". Am liebsten wurde zu Sportgetränke, Riegel, Magnesium und Sportgels gegriffen, die von über der Hälfte der Befragten zumindest sporadisch – etwa in Wettkämpfen – konsumiert wurden. Zudem brachte die Onlinebefragung ein besorgniserrendes Informationsdefizit bezüglich Inhaltsstoffe und deren Legalität zum Vorschein, was auf eine gewisse Sorglosigkeit und Naivität im Umgang mit Supplements und Medikamente schließen lässt.

Da eine vielseitige, ballastoffreiche Vollwertkost den durchschnittlichen Energiebedarf eines Menschen abdeckt, erscheinen Nahrungsergänzungsmittel in doppelter Hinsicht entbehrlich. Selbst der erhöhte Leistungsumsatz sportlich Aktiver erfordert nicht zwangsläufig eine Substitution, weil nährstoffreiche Ernährung bzw. klassische Kohlenhydratträger wie Kartoffeln, Nudeln, Reis usw. mit gefüllten Glucosespeichern einer etwaigen Unterversorgung gegensteuern. Obwohl Sportlern ein ausgeprägtes Gesundheitsbewusstsein nachgesagt wird zählt ausgerechnet jene Zielgruppe, von der am wenigsten zu erwarten steht dass sie an akutem Nährstoff- oder Vitaminmangel leidet, zum besten Kundenkreis. Horst Pagel sagt: „Nahrungsergänzungsmittel nutzen allein dem Hersteller“. 

Ausnahme von der Regel: Nahrungsergänzungsmittel machen Sinn, wenn ein Mangelzustand oder extrem hoher Bedarf vorliegt, der durch Nahrung allein nicht zuführbar ist. Dies ist z.B. bei Bedarfsspitzen wie energiezehrende Ausdauer-Wettkämpfe der Fall, wo die Nahrungsmittelzufuhr einen Limitfaktor darstellt und konventionelle Nahrung im Hinblick des Zeitdrucks und Magenverträglichkeit zur Energiedeckung problembehaftet ist. Stundenlange energiezehrende Belastungsintensität (z.B. Radmarathon, Triathlon, Laufmarathon) sind Sportler auf die Einnahme von Kohlenhydratkonzentraten wie Energie-Riegel/Gels bzw. Elektrolyt- und Mineralstoffdrinks angewiesen, um den extremen Nährstoff- und Mineralstoffbedarf zeitoptimiert auszugleichen.

Auf die Frage, ob es überhaupt Menschen gibt, für die Nahrungsergänzungsmittel sinnvoll sind anwortete Prof. Dr. Burkhard Göke gegenüber n-TV: "In Deutschland ist es so, dass gesunde Menschen, die eine gesunde Mischkost zu sich nehmen, keine Nahrungsergänzungsmittel benötigen. Es gibt allerdings bestimmte Risikogruppen bei Kindern und Heranwachsenden, Schwangeren und Stillenden, Vegetariern oder diäthaltenden Menschen, Senioren und Alkoholabhängigen, für die es bestimmte ergänzende Präparate gibt, die allerdings vom Arzt verordnet werden sollten". Der Internist prangert auch die unkontrollierte Verfügbarkeit via Internetshops an : Die Suggestion der Werbung ist, dass alles was natürlich ist, auch gesund ist. Das ist falsch."

Gesundheitsrisiken

Die größte Schwierigkeit und damit eine ernsthafte Gefahr für die Gesundheit liegt darin, bei der Substitution von Vitaminen und Mineralstoffen eine bedarfs- und zeitgerechte Dosierung zu finden, da die Toleranzgrenze zwischen Unter- und Überdosierung im Gegensatz zu landläufigen Lebensmitteln äußerst schmalbandig ausfällt. Überdosierungen können zu Vergiftungserscheinungen führen bzw. bei gleichzeitiger Einnahme mehrerer Präparate sind problematische Wechselwirkungen zu befürchten. Von daher ist die planlose Einnahme ohne ärztliche Kontrolle generell risikobehaftet. 

Wer dennoch auf Supplements schwört: Monopräparate sind denjenigen vorzuziehen, die gießkannenartig mehrere Mineralstoffe enthalten. Vorsicht ist vor Langzeitanwendungen hochkonzentrierter Mineral- und Spurenelementen-Präparaten geboten, da es die Knochenbrüchigkeit fördern, das Herzinfarktrisiko steigern und die Bildung von Nierensteinen begünstigen kann. Selbst Vitamin C steht bei Überdosierung in Verdacht krebserregend zu sein. 

Fettlösliche Vitamine bergen hohe Risiken. So drohen z.B. bei einer Vitamin A - Überdosierung Kopfschmerzen, Übelkeit, Sehstörungen, bis hin zu Leberzirrhose oder Überdruck der Gehirn- und Rückenmarksflüssigkeit. Experten raten diese Vitamine nur bei diagnostiziertem Vitaminmangel einzunehmen. Der renommierte Professor Peter Stehle, Ernährungswissenschaftler von der Uni Bonn sagt: "Das ist ein sehr beliebter Satz: Ich esse Nahrungsergänzungsmittel, also wenn es nichts hilft, es schadet aber auch nicht. Das kann ich so überhaupt nicht unterstreichen. Es ist tatsächlich so, dass es bei einigen Supplementen und Nahrungsergänzungsmitteln noch unklar ist, wenn ich diese in hoher Dosierung esse, zu mir nehme, ob da nicht etwas passiert, was wir gar nicht wollen". Wer sich ungesund ernährt (z.B. Junk-Food) und meint mit Nahrungsergänzungsmittel etwaige Vitamin- und Nährstoffmängel kompensieren zu können beschreitet eine gefährliche Gratwanderung. Erst recht wer nach dem Motto <Viel hilft viel> verfährt.

Abgesehen von Gesundheitsrisiken können Nahrungsergänzungsprodukte, die besonders im Ausdauersport relativ reichlich konsumiert werden, stellenweise mit verbotenen Substanzen verunreinigt sein. Zudem kann es bei den kaum mehr zu überblickenden Inhaltsstoffen zu unerwünschten Wechselwirkungen kommen.

Physische Abhängigkeit

Eine weithin unterschätzte Gefahr liegt in der psychischen Abhängigkeit von Nahrungsergänzungsmitteln. Gerade leistungsorientierte Sportler glauben den "Heilsbotschaften" mancher "Wundermittel-Erzeuger" die z.B. niedrigere Laktatwerte, Absenkung der aerob-anaeroben Schwelle, kürzere Regenerationszeit sowie Pulssenkung versprechen. Die Verlockung ist gegeben, seiner natürlichen Leistungsfähigkeit durch bequeme Einnahme derartiger Mittelchen vermeintlich auf die Sprünge zu helfen. Feststeht, dass sich hier sich das "Einfallstor" in die Welt von Pillen, Pulvern, Tabletten und Dragees öffnet, deren Idee aus den USA stammt wo sich reihenweise Nutritional Stores erfolgreich etablierten. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass insbesondere unter Leistungsfanatikern Anreize auf gesteigerte Wirkstoffe von Arznei- oder Dopingmittel geweckt werden. Von dieser Warte aus betrachtet fungieren harmlos erscheinende Nahrungsergänzungsmittel überspitzt formuliert als "Einstiegsdroge". Dr. Mischa Kläber spricht in seinem Buch <Doping im Fitness-Studio> davon, dass die "Ausbildung einer Dopingmentalität [...] schon mit dem Konsum von Nahrungsergänzungspräparaten" beginne. Man muss nicht unbedingt seiner Meinung sein, doch ein Fünkchen Wahrheit mag der Behauptung wohl anhaften. Zweifelsfrei verläuft die Grenze zwischen dem Gebrauch von Supplements, Medikamenten bis hin zum bewussten Doping fliessend. 

So bescheinigen täuschend ähnliche Verpackungen manchen Arzneimitteln eine Art optische „Unbedenklichkeit“, die die Hemmschwelle herabsetzt. In einer Studie, dokumentierte Dr. Mischa Kläber den typischen Verlauf einer Dopingkarriere: „Wer anfängt, Sport zu treiben, erlebt schnell Erfolge. Doch je fitter er wird, desto intensiver muss er trainieren, um noch besser zu werden. Immer mehr, immer härter. Er fängt an, auf seine Ernährung zu achten, Nahrungsergänzungsmittel zu schlucken. Mit den Ansprüchen an sich selbst wächst die Versuchung“.

Zum Kreis der Mahner vor Nahrungsergänzungsmittel können gehören der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB), das Bundesministerium des Innern (BMI), die Nationale Anti-Doping-Agentur und die Deutsche Sportjugend im Namen des Heidelberger Zentrums für Doping-Prävention. „Abgesehen von der Fraglichkeit der Wirkung (. . .)“, vertritt der DOSB und BMI die Meinung: „sehen wir eine potentielle Begünstigung der Dopingmentalität.“ 

                                           

Magnesiumpräparate genießen unter (Ausdauer-) Sportlern ein unumstösslich positives Image, weshalb der Hype um den Mineralstoff ungebrochen ist. Viele schwören regelrecht auf das "Allheilmittel", dessen Bedeutung unter Sportmedizinern allerdings nicht unumstritten ist. Hans Braun, Ernährungswissenschaftler von der Sporthochschule Köln: "Das Interessante ist, dass zum Beispiel in Deutschland 90 Prozent der befragten Sportler Magnesium regelmäßig nehmen, meistens zur Reduzierung von Krämpfen oder muskulären Problemen“. Die Ursache von Muskelkrämpfen liegt bei sportlicher Aktivität i.d.R. in einer gestörten Elektrolytkonzentration. Der Mangel an Salzen, erstreckt sich auf Mineralien wie Kochsalz (Natriumchlorid), Kalium, Kalzium und Magnesium, die allesamt für Muskelaktivitäten eine entscheidende Rolle spielen. Abgesehen davon verursacht auch Flüssigkeitsmangel Störungen im Mineralstoffhaushalt (Elektrolythaushalt).

Dass selbst in Deutschland vertriebene Nahrungsergänzungsmittel über zehn Prozent Verunreinigungen mit anabolen Steroiden aufweisen, wie der Landessportverband Baden-Württemberg berichtete stimmt nachdenklich. Glauben ist gut, Kontrolle ist besser, denn wie ein Ergebnis der New Yorker Lebensmittelaufsicht aufzeigte als sie pflanzliche NEM wie Echinacea- oder Ginkgo-Pillen mit Hilfe von DNA-Tests prüfen ließ, wurden Angaben nicht wahrheitsgemäß wiedergegeben. Demnach war bei 79% der Präparate entweder nicht drin was draufstand oder stand nicht vollumfänglich drauf was drin war. Laut einer Sprecherin des zuständigen Verbraucherschutzministeriums sind solche Missstände in Deutschland zwar nicht denkbar, weil Produkte routinemäßig auf angegebene Gehalte von Vitamine und Mineralstoffe im Labor geprüft werden. Doch bei Internet-Bestellungen ausländischer Erzeuger-Produkte ist Vorsicht angebracht. Präparate können gefährliche Substanzen oder billige Ersatzprodukte ohne bzw. geringem Wirkungsgrad enthalten, kontaminiert sein oder laut IOC (Internationales Olympisches Komitee) sogar Substanzen enthalten die auf der Dopingliste stehen. Ein Abgleich der Zusammensetzung mit der jährlich aktualisierten WADA-Dopingliste bringt Aufschluss, ob sich ggf. verbotene Substanzen (z.B. Stimulanzien) in dem Produkt verbergen. Vom Kauf gefälschter Anabolikapräparate (Testostoron) auf dem Schwarzmarkt - die erhebliche Risikofaktoren mit sich bringen - ist dringend abzuraten.

 Hinweis

Produktverpackungsbilder wurden beliebig ausgewählt und dienen ausschließlich der wertungsfreien Illustration des Berichts. Textinhalte beziehen sich i.d.R. nicht auf abgebildete Pharmaprodukte bzw. beschriebene Risiken nehmen Bezug auf missbräuchliche Verwendung von Arzneimitteln.