Am Ziel seiner Träume

Im Ziel scheint etwas Unerklärliches zu geschiehen. Eine hormonelle Verklärung setzt jegliche Ratio außer Kraft. Von einem "Nie, nie wieder", das am Timmelsjoch den Schädel zermarterte verwandelt sich das Postulat in ein unbeschreibliches Glücksgefühl.

Die Zieldurchfahrt ist für jeden Finisher ein unfassbarrer Augenblicke - ein Gänsehautmoment der sprachlos macht. Keine tickende Uhr mehr im Nacken, alle Last fällt innerhalb weniger Sekunden ab. Nicht mehr im Sattel zu sitzen sondern stressfrei geerdet am Boden zu stehen und sich im Glücksmoment schwelgen - das ist es, was einem der Sport zurück gibt. 

Der Mechanismus verfehlt seine Wirkung nicht, wenn Glückshormone die Adern fluten. Ein Gefühlscocktail der im Hier und Jetzt von schmerzender Erschöpfung in ekstatische Glückseligkeit umschlägt. So ist das nunmal wenn das Herz leidenschaftlich am Hobby hängt und Emotionen schlagartig die verstandesmäße Logik außer Kraft zu setzen vermag. Reihenweise sind im Ziel Gefühlsausbrüche zu beobachten, die das innere Seelenleben nach außen kehren. Emotionale Momente, die sich nur schwerlich in Worte fassen lassen und für kein Geld der Welt zu haben sind.

Mit einem Schlag fällt alle Anspannung, Last und Selbstzweifel von den Schultern. Vergessen sind Entbehrungen und Mühen, die diesem hehren Ziel untergeordnet wurden. In Bezug auf sportliche Leistungen beruht Glücksgefühl auf Intensität erlebter Empfindungen etwas Außergewöhnliches vollbracht zu haben. Mediziner, Psychologien und Neurowissenschaftler proklamieren einen Zusammenhang zwischen Schmerzen und Erschöpfung einerseits und Lust, Zufriedenheit, Glück und Befriedigung andererseits. Das eine bedingt das andere, weshalb man z.B. durch die Hölle eines Ötztalers geht. Obendrein wird man fortan das Streben nach solch extremer Glücksempfindung nicht mehr los - der Suchtbazillus lässt grüßen.

Hier stehen sie nun, die wahren Helden - eingehüllt in warmen Decken - Siegertypen, die den Mythos des Ötztal Radmarathon fundamental begründen. Gleichgültig welche Platzierung schwappt jedem der die Finishline überquert eine Welle von Sympathie und Respekt entgegen. Eine Wertschätzung, die wie Balsam auf die geschundene Seele wirkt. Der Radlerhimmel auf Erden hat seine Pforten geöffnet und nimmt die Glückspilze im Radsport-Olymp auf.

Ein überglücklicher Finisher schrieb in seinem mitreißenden Bloc: "Gregor, mein Freund und Käpt’n: Diesen Weg haben wir gemeinsam geschafft – diesen Tag wird uns niemand mehr nehmen – dieser Tag wird uns bis zu unserem Alzheimer in Erinnerung bleiben – dieser Tag wird uns unser Leben lang verbinden."

Kaum zu glauben, aber wahr - das Werk ist vollbracht - einfach MEGA! In einer brachialen Kraftanstrengung die Flinte nicht ins Korn geworfen zu haben schürt ein triumphales Gefühl der Freude, Demut und Dankbarkeit. Wie sagte 2003 der Viertplazierte und ehemaliger Olympiateilnehmer über 3000m Hindernis in Seoul, Jens Volkmann treffend im Ziel: „diese Strecke lernt einem Demut“.

Eine extreme Grenzerfahrung der eine gewisse Transzendenz anmutet. Als transzendent gilt, was außerhalb oder jenseits eines Bereiches der bewußten Sinneswahrnehmung liegt. Es findet eine Überschreitung der endlichen Erfahrungswelt statt, was zumindest hobbymäßigen "Otto-Normal-Fahrern" beim Ötztal-Radmarathon durchaus widerfahren kann.

 Selbsterkenntnis

Keine Frage, der Ötzi ist eine elende Schinderei, superanstrengend aber gleichsam auch lehrreich. Eine beispiellose Selbsterfahrung die Grenzen aufzeigt aber auch den Lebenhorizont erweitert. Trotz unsäglicher Quälerei wiegen Glücksgefühl, Lebensfreude und Fahrspaß alle Anstrengungen bei weitem auf. Leidenschaftlich betriebener Radsport verlangt viel Herzblut und köprerlicher Einsatz gibt aber auf der anderen Seite unheimlich viel zurück. Für Finisher bewahrheitet sich, dass sich ehrgeizige Ziele mit unerschütterlichem Willen verwirklichen lassen. Glaube versetzt Berge, ein Grundsatz der gerade für Radsportler größte Bedeutung hat.

Die Trophäe

Das Finishertrikot ist die redlich verdiente Trophäe - quasi der sichtbare Ritterschlag. Ohne Fleiß kein Preis! Das Reglement schreibt folgendes vor: "Das begehrte Ötztaler-Finishertrikot erhalten ausnahmslos nur jene Teilnehmer, die die gesamte Strecke korrekt absolvieren, alle Kontrollpunkte passieren und vor dem Schlusswagen das Ziel in Sölden erreichen. Der Schlusswagen markiert das Ende des Rennens! Jeder Radfahrer, der zu irgendeinem Zeitpunkt hinter diesem Fahrzeug fährt, gilt als nicht mehr ihm Bewerb befindlich und muss mit starkem Verkehr rechnen. Es besteht jedoch die Möglichkeit, wieder ins Rennen zurückzufahren, wenn der Schlusswagen wieder überholt wird. Der Schlusswagen hält sich exakt an die vorgegebenen Durchfahrtszeiten."

Cool Down

Regeneration tut Not, denn nach solch einer extremen Ausdauerleistung braucht das Immunsystem gut eine Woche, um wieder einigermaßen auf dem Damm zu sein. Gemütliches Ausrollen kurbelt den Blutfluss an und fördert den Abbau angestauter Milchsäure (Laktat) sowie der Schlackenstoffe. Der erhöhten Infektionsanfälligkeit wegen (Open Window Effekt) ist nach Zielankunft rascher Kleidungswechsel wichtig. Optimal: entspannende Massage.

Die Gunst der Stunde nutzen: direkt im Anschluss des Wettkampfs gewinnt der Körper mehr Glykogen aus den Kohlenhydrate als sonst (anaboles Zeitfenster 1 -2 Std.). Dabei lässt der Kohlenhydratstoffwechsel den Insulinspiegel steigen, was wiederum das Immunsystem stärkt und die Aktivität von „Fresszellen“ fördert (Bakterienabwehr).

Die Letzten werden die Ersten sein

Ob Hobby-Rennradler" oder Ex-Profi, jedem werden Sympathien des Publikums zuteil. Im Gegensatz zur „Profiliga“ wo Podestplätze über ex oder hopp entscheiden, dürfen sich beim Ötztal – Radmarathon die Klassierten mit Genugtung als Heroes fühlen und endorphingeschwängert in Hochstimmung schwelgen. Diese Tatsache nimmt die Rennleitung beim Wort und eskortiert den Letztklassierten mit Fahrzeugen vom Timmelsjoch nach Sölden, der nach etwa 13 1/2 Stunden würdevoll über die Ziellinie „getragen“ wird. Kaum nachvollziehbar, welche Dramatik hinter ihm liegt dem gefürchteten Besenwagen von der Schippe gesprungen izu sein. Jörg Ludewig (2013 Zweitplatzierter) meinte auf die Frage was der Unterschied zwischen ihm und Hobbysportler sei: "die Emotionen beim Ötztaler sind für jeden Teilnehmer gleich. Ob Erster oder Letzter - in Sachen Leiden und Leistung gibt es keinen Unterschied".

Bei der Abschlussfeier wird das „Schlusslicht“ traditionell auf die Bühne geholt und vom Publikum - gedresst im Finishertrikot - frenetisch gefeiert. Dass er auf Augenhöhe neben dem Sieger auf dem Podium steht, hat Symbolcharakter, da er stellvertretend für alle Finisher dort oben steht. Der heldenhaft Zug hat seine Berechtigung, da der geschundene Sportler den Kampf gegen sich selbst nicht aufgab und den inneren Schweinehund glorreich besiegte. In einer Leistungsgesellschaft, wo der Zweite zum ersten Verlierer abgestempelt wird, geht diese Ehrung weit über das übliche Maß hinaus. Sie spiegelt den tiefsinnigen Geist des Ötztaler Radmarathons wider. 

In Anbetracht des Leistungsunterschieds mögen sich zwei Welten gegenüber stehen doch im Geist der Veranstaltung sind alle Teilnehmer vereint und bringen sich gegenseitge Wertschätzung wider. Ein Sportsgeist der auch anderswo Schule machen sollte. Selbst wer den Kampf gegen den inneren Schweinehund an diesem Tag verloren hat besitzt die Chance, seinen Traum zu einem späteren Zeitpunkt zu verwirklichen. 

Eines soll auch mal ausgesprochen werden: gemessen an der Durchschnittsbevölkerung verfügen die wenigsten Menschen die Fähigkeit derartige Höchstleistungen zu erbringen die ein Ötztal-Radmarathon abverlangt. Und da sprechen wir wahrlich nicht nur von 60 kg leichten Spitzenfahrern mit Siegambitionen. Selbst wer in dem hochkarrätigen Feld leistungsmäßig als Mittelmaß (ca. 10:30 h) einzustufen ist und sich dieser extremen Herausforderung mutig entgegenstellt erbringt eine schier übermenschliche Leistung zu der 95% der Menschen wohl kaum fähig sind. Der Aufwand dafür ist jedoch exorbitant: abertausende Trainingskilometer und zehntausende Höhenmeter sind neben Berufsalltag und Privatleben erforderlich um in der Liga top trainierter Ausdauer-Cracks überhaupt mit spielen zu können. Es hat schon seinen guten Grund wieso der Ötztaler in der Szene als "inoffizielle Weltmeisterschaft" der Radamateure bezeichnet wird. Auch bezeichnend: der Ötztaler dürfte die einzige Radsport-Veranstaltung sein wo man sich nicht anmeldet sondern vielmehr um einen Startplatz "bewirbt":-)

Unmittelbar nach Zielankunft mag eine Wiederholung kategorisch ausgeschlossen sein, doch in einer erstaunlich kurzen Halbwertszeit bröckelt der Vorsatz. Beim Pallaver mit Freunden gerät man rasch ins Schwärmen und schon werden neue Pläne geschmiedet. 

 

Der legendäre Tourteufel Didi Senft - alias El Diablo - war zu früheren DDR-Zeiten Radamateur. Seit 1992 gehört der Künstler, Erfinder, Rad-Designer und leidenschaftliche Radsportfan quasi zum Inventar der internationalen Radsportszene. Seine extrovertierten Auftritte im Teufelskostüm haben Kultstatus.

Organisationskomitee

ÖTZTAL TOURISMUS
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http://www.oetztaler-radmarathon.com/

Streckenprofil, Ötztaler Radmarathon
Hoehenprofil, Ötztaler Radmarathon
Reportage, Ötztaler Radmarathon.pdf