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KM 183, St. Leonhard (750 m) – Timmelsjoch (2 509 m), 29 km, 1 759 hm Steigungsmittel 7.8 %, max. 14 %

Sobald nach 183 km in St. Leonard (San Leonardo in Passiria) im Passeiertal (693 m.ü.M.) das Akkustiksignal der Zeitnahme piepst, nimmt das Finale Grande seinen Lauf. Die größte Herausforderung - das Timmelsjoch (Passo del Rombo) bittet um Entrée. Streng genommen beginnt das Rennen eigentlich erst hier am Fuße des Timmelsjoch. Der berühmte Schlachtruf vom Boxkampfansager Michael Buffer „Let’s get ready to rumble“ passt wie die Faust auf's Auge.

Griaßt enk im Passeiertal

Griaßt enk lautet die lässige Begrüßung im Südtiroler Dialekt im Passeier Tal. Der ausgemergelte Ötztaler-Pilot mag diese Begrüßung angesichts fortschreitender Erschöpfung eher als Sarkassmus verstehen.

Der Monsteraufstieg offenbart unverholen, wie gut man seine Kräfte bisher eingeteilt hat und ob die Energiespeicher bzw. Flüssigkeitspegel bedarfsgerecht gefüllt waren. Der brachiale Höhenunterschied des finalen Passes deckt gnadenlos auch geringste Unzulänglichkeiten auf. Jeder kann sich glücklich schätzen wenn die Kraftausdauer zum Gipfel ausreicht und die Serpentinengala ohne nennenswerten Einbruch übersteht. Arrivederci, ragazzi...

Je nach Wetterlage gleicht der Straßenrand im Bereich von Sankt Leonhard manchmal einer Kleider-Wechselzone. Nicht selten brennt nachmittags die Sonne herunter und lässt das Thermometer auf über 30 Grad steigen. Also entledigt man sich nach der - oft frischen - Jaufen-Abfahrt seiner Jacke, Bein- und Ärmlinge, presst ein Kohlenhydratgel rein und macht sich auf die Socken zur letzten und schwierigsten Prüfung des Tages.

Wurde der Kontrollpunkt in Sankt Leonhard passiert sind für das vierte Bergzeitfahren des Tages die verfügbaren Kräfte zu mobilisieren, um sein Meisterwerk zu vollenden. Dabei steht fest: egal wie gut man sich fühlt bzw. welcher Leistungskategorie man angehört kein Mensch ist gefeit vor Schwächephasen, d.h. niemand besitzt einen Freifahrtsschein. Der beinharte Aufstieg fordert das Leistungslimit und die Leidensfähigkeit heraus - eine Tatsache, wofür der Ötztaler sinnbildlich steht. 

An der Kontrollstelle spielen sich mitunter dramatische Szenen ab wenn Teilnehmer wegen Karrenzzeitüberschreitung am Weiterfahren gestoppt werden. Tipp: Kontrollzeiten - von denen es allein am Timmelsjoch vier davon gibt - auf den Lenker kleben:

  • St. Leonhard  15.15 Uhr
  • Moos  16.00 Uhr
  • Schönau  18.00 Uhr
  • Timmelsjoch  19.30 Uhr

Zaungäste verbreiten Aufmunterungsstimmung. Doch wenige Augenblicke später ist man mit seinen wortgargen Leidensgenossen wieder mutterseelenallein auf weiter Flur. Am Rande bemerkt: Im Talbecken fließt die Passer (Passirio), die durch den Zusammenfluss mehrerer Quellbäche am Timmelsjoch entsteht und nach 43 km in Meran in die Etsch mündet, die ihrerseits in die Adria fließt.

Teilnehmer des Ötztal-Radmarathons sind durch die aufgestellten Infotafeln immer im Bilde was sie erwartet. Einerseits kann man sich psychisch darauf einstellen, andererseits dürfte mancher Sportskanone Angst und Bange werden. Dabei gibt die Steigungsangabe von 775 hm nur den Weg bis zur Labe an, die noch nicht mal "Halbzeit" bis zum Timmelsjoch (plus 1 000 hm) ist.  Vielleicht ganz gut so, die Höhenmeterangabe zu splitten sonst würde mancher womöglich schon hier aufgeben. 

  Imaginäre Etappenziele im Kopf entlasten die Psyche

Gedanklich aufeinander folgende Etappenziele teilen die Strecke scheibchenweise auf, was hilft die Psyche ein wenig zu entlastetn. Man hangelt man sich quasi von Pass zu Pass und gibt dem Hirn nach erfolgreicher Zielerfüllung jedesmal die Gelegenheit das Belohnungssystem zu aktivieren. Die gezielte Stimulation steigert die Ausschüttung von Neurotransmittern was die Motivation und das Glückserlebnis anhebt. Dabei ist Dopamin der Neurotransmitter des antizipierten Erfolgs, das als Motivationshormon schlechthin gilt. Es macht uns auf dem beschwerlichen Weg zur Zielerreichung phasenweise glücklich, indem das mesolimbische System aktiviert wird - das Belohnungszentrum des Gehirns. Solche "Überlistungsstrategien" helfen im Angesicht des bevorstehenden Kraftaktes sprichwörtlich über den Berg. Ein Gefühl, das Zuversicht und die Moral stärkt.  

Während sich am Jaufenpass in aller Regel maximal 6 Elitefahrer - ausgestattet mit Sieger-Genen und High-Performance - um die Führung batteln bleiben am Timmelsjoch meistens nur noch 2-3 Fahrer übrig die den Sieg unter sich ausfahren. 

  Unsichtbarer Gegner

Am Timmelsjoch gesellt sich zur Extrembeanspruchung ein weiterer, unsichtbarer Gegner hinzu. Mit 200 km und 4 500 hm in den Beinen, fordert der letzte Steilhang nicht nur letzte Kraftreserven sondern in einer Höhe von über 2 000 m fällt zudem das Atmen sichtlich schwerer. Der Sauerstoffgehalt der Luft liegt zwar unabhängig der Höhe immer konstant bei 21 % (neben 78 % Stickstoff + 1 % Argon), dennoch strömt weniger Sauerstoff über das Kanalsystem der Bronchien in die Lungenbläschen je höher man sich schraubt. Mit der Folge, dass vermindeter Sauerstoff im Blut die Leistungsfähigkeit herabsetzt. Die Ursache liegt also nicht wie häufig irrtümlich angenommen an dünnerer Luft - sondern daran, dass durch abnehmenden Luftdruck weniger Sauerstoff in die Lunge gepresst wird. Beträgt der Lufdruck auf Meereshöhe 1013,25 hPa (Hektopascal) so verringert er sich auf 2 500 m.ü.M. auf 735,1 hPa (72,5%). Zudem nimmt die aerobe Kapazität bei steigender Höhe ab. So ist z.B. bei 2 000 m.ü.M. m der Vo2max bzw. körperliche maximale Sauerstoffaufnahmefähigkeit um 7.5 % reduziert. Rekordzeiten werden im Radsport nur deshalb in hohen Höhen gefahren, weil die reduzierte Leistungsfähigkeit durch den reduzierten Luftwiderstand kompensiert wird.

Hat man Sankt Leonhard hinter sich gelassen, zieht das Höhenprofil langsam aber stetig die Daumenschrauben an.

Zunächst verläuft die Strasse 8 km moderat steigend nach Moos in Passeier 1007 m.ü.M. Doch dann ist Schluß mit lustig, es beginnt der sportliche Überlebenskampf. Je später die Stunde, desto mehr steht den Fahrern die Resignation ins Gesicht geschrieben. 12 - 14% Rampen bauen sich wie unüberwindbare Steilwände auf. Da hilft nur Zähne zusammen beißen, Kraftreserven mobilisieren, Steherqualitäten beweisen und über sich selbst hinauswachsen, um der Naturgewalt aus Fels und Stein Paroli zu bieten. Abschnittsweise Durchschnittssteigungen von 9 % - 10,5% zehren an der Körperkraft und unterminieren im Gleichklang die Willenskraft. Kehre um Kehre, Meter für Meter inmitten des spärlicher werdenden Mischwaldes entlang des 2328 m hohen Ganderbergs schraubt man sich unermüdlich nach oben. In vielen Gesichtern ist maskenhaft die Fassungslosigkeit ob der bevorstehenden Steigungen erkennbar. Manche Pausieren, andere stretchen ihre verhärtete Beinmuskulatur und wieder andere lehnen an Leitplanken – nein, besser Leidplanken - und starren teilnahmslos ins Leere. Für manchen "Waidwunden" spitzt sich die Situation dramatisch zu.

Absolut beschwerdefrei sitzt wohl keiner mehr im Sattel. Ausgenommen Elitefahrer die vebissen um Positionen kämpfen findet bei der Mehrheit der Piloten kaum mehr eine direkte Challenge statt. Der Kampf gegen den inneren Schweinehund dominiert die gespenstige Stille.

Ein schöner Rücken kann auch im Delirium entzücken...

Beim Anblick steiler Rampen mag mancher erschaudern und das kalte Grausen bekommen. Am Rande der Leistungsfähigkeit kriecht man Meter für Meter nach oben. Unter den Fahrern herrscht normalerweise gespenstige Stille, da  der Kopf sich gegenüber äußeren Reizen abschottet, um die verfügbare (Rest-) Energie für's Wesentliche zu verwenden.  

Mitunter frägt man sich schon was eigentlich besser ist: glühende Hitze oder klirrende Kälte? Fakt ist, dass extreme Temperaturen - ob heiß oder kalt - grundsätzlich an den Kräften zehrt und nach stundenlangem Einsatz Substanz kostet.

 

Bei 30 Grad Hitze eine willkommene Abkühlung

Klasse, wie liebevoll sich Einheimische um die ausgemergelten Rad-Heroes kümmern.

Ein Blick auf nachfolgende Fahrer befügelt die Psyche. Hangwärts gerichtete Blicken- wirken hingegen gerade bei desolatem körperlichen Zustand demotivierend. 

Think positive! Auch wenn der Vorsprung auf die Nachfolger noch so irrwitzig gering erscheint, hellt der Anblick trotzdem die Stimmung auf, was den Anflug von Demotivation für kurze Zeit vertreibt.

Einen effizient runden Tritt hat am Timmelsjoch kaum einer mehr. Der Bewegungsablauf gleicht eher einem mühsamen Hängen und Würgen, wobei das optische Erscheinungsbild bei einem nahezu geistesabwesenen Zustand sowieso belanglos ist. Was zählt ist  die Vorwärtsbewegung, alles andere ist überflüssig.

Keine Frage, die Sicht aus der Vogelperspektive auf das schmucke Alpendorf Moos in Passeier (2 129 Einwohner) mit seiner 52 m hohen spätgotischen Pfarrkirche ist eine Augenweide. Die Gemeinde liegt auf 1 000 m Höhe, d.h. gut 300 hm wurden vom Brocken Timmelsjoch abgeknabbert. Dass es weniger als ein Sechstel der Bergwertung ist, daran sollte man lieber nicht denken.

Zunehmend verengt sich das Tal der Passer. Majestätisch Berg- und Felshänge ragen immer näher vom Straßenrand empor. Sogar in entlegenen Winkeln stehen versprengte Zuschauer und feuern die Mathadores an. Die Fans lasen ihre Helden nicht allein.

Je besorgniserregender die körperliche Verfassung, desto mehr versucht der innere Schweinehund vorzugaukeln, dass man sich am Schluss des Feldes befindet. In aller Regel ein Trugschluss. Insofern immer wieder von neuem ein schönes Gefühl festzustellen, wenn ein ganzer "Rattenschwanz" an Fahrern im Schlepptau folgt. Und zack, bekommt der innere Schweinehund seinen Laufpass - zumindest solange bis er wieder aufmüpft.

Ausgeträumt? Klingt irgendwie ganz schön sarkastisch. Aber wie heißt es so schön: Humor ist wenn man trotzdem lacht. Doch erst wenn eine Ausweglosigkeit in tranceähnlichem Zustand erkannt und die Flinte endgültig ins Korn geworfen wird, ist der Traum endgültig begraben. Vorher nicht! 

  

Nicht alle Teilnehmer die sich im Race befinden erreichen die Passhöhe rechtzeitig. Für diejenigen die die Strecke weich gekocht und erbarmungslos aufgerieben hat heißt es knallhart: Game over. Bittere Dramen, die sich in der Endphase des Radmarathons jedes Jahr von Neuem abspielen. Der Ötztaler fordert seinen Tribut, da bleibt für Sentimentalitäten nur wenig Platz.

 

Mit nunmehr 4 000 hm in den Beinen verflucht man die Rampen Kehre um Kehre. Das forgeschrittene Rennstadium ist vergleichbar mit dem eines Laufmarathons bei KM 36, wenn aufgrund geleerter Kohlenhydratspeicher die Stoffwechselumstellung auf sauerstoffintensivere (leistungsmindernde) Fettverbrennung erfolgt. Ob Läufer oder Radler -  der muskulären Kraftausdauer muss als Erfüllungsgehilfe mentaler Biss beispringen, ansonsten steht es schnell Spitz auf Knopf.

 

Rastende Gestalten auf den Leitplanken animieren zum Absteigen.

Auf diesem Bild kommt die wirkliche Steigung optisch zu Geltung. Heftig, wenn man den übereinander geschachtelten Straßenverlauf fokussiert.

Da die vorangegangenen Pässe eine Leistungsselektion zur Folge hatte, fahren lose Gruppen nahezu mit identischer Geschwindigkeit. 

Besonders bei schwüler Hitze verlocken herabfließende Rinnsale zum Absteigen. Flüssigkeitsmangel kann zu Dehydrierung führen. Die Folge: Leistungseinbußen, Muskelkrämpfe oder Kreislaufprobleme. Keine Flüssigkeit, keine Leistung - so einfach ist das. 

Der menschliche Organismus hängt nicht nur vom Wasser ab – er besteht zu großen Teilen aus Wasser und zwar zu rund 65 Prozent aus H2O. Ohne ausreichende Flüssigkeitsversorgung kann der Organismus nicht  optimal funktionieren. Gerade beim intensiven Belastungen wenn Muskeln arbeiten, entsteht als Nebenprodukt Wärme, die die Körpertemperatur ansteigen lässt. Als wirksame Gegenmaßnahme produziert der Körper zur Kühlung Schweiß. Die entstehende Verdunstungskälte kühlt den Körper entsprechend runter. Ein Flüssigkeitsverlust - im Extremfall bis zu drei Liter pro Stunde - sollte möglichst bedarfs- und zeitgerecht ausgeglichen werden.

Mineralhaltiges Quellwasser liefert wesentliche Bestandteile, die dem Körper durch den ausgeschiedenen Schweiß verlustig gegangen sind. 

Kurze Erfrischung, Wasserflasche aufgefüllt und weiter geht's.

Bei sengender Hitze baut das Orga-Team kurzfristig eine außerplanmäßige Getränkestelle auf halbem Weg zwischen Sankt Leonhard und Labe Schönau auf.

Bald radelt man an der Abzweigung Rabenstein (it. Corvara, 1419 m.ü.M.) vorbei, das idyllisch auf einer kleinen Anhöhe über der Passer liegt. Ab KM 191.5 flacht die Steigung auf den nächsten 5 km spürbar ab (2-5%), bevor das Timmelsjoch der geführchteten Bezeichnung "Endgegner" aller Ehre macht.

Der Blick ins südliche Passeiertal zeigt, welcher Höhenunterschied bereits bezwungen wurde. Trotz alledem bleibt ein "erklecklicher" Rest an Höhenmetern noch zu bewältigen.

Die nachlassende Steigung gibt Gelegenheit die phänomenale Gebirgslandschaft - soweit es die Befindlichkeit erlaubt - wirken zu lassen.

Erstmals wird seit Sankt Leonhard der Streckenverlauf auf mehrere Kilometer ersichtlich. Gott sei Dank bei fast gleichbleibendem Höhenlevel.

Leider sind diese phänomenalen Aussichten beim Ötztaler wetterbedingt eher die Ausnahme denn die Regel

Taucht das Labeschild ins Blickfeld des malträtierten Betrachters fällt ihm bestimmt ein Stein vom Herzen. Das Bewusstsein registriert mit Genugtung, dass ein weiterer Meilenstein geschafft. Zumindest vorübergehend sind erlittene Qualen aus dem Bewusstsein verbannt als sei nichts gewesen.

Zur fortgeschrittenen Nachmittagsstunde steht für so manchen Fahrer der Traum auf Messers Schneide.  Erst Recht wenn das Labeschild Jausenstation Schönau (KM 201, 1 716 m.ü.M.) als seliger Rettungsanker auftaucht.

 

Endlich absitzen, Beine lockern, frische Energien tanken und ein wenig abschalten.  

Die Aufenthaltsdauer richtet sich nach dem augenblicklichem Befinden oder orientiert sich am gesetzten (Zeit-) Ziel. 

Die imposante Hochgebirgswelt wirkt surreal, eigentlich anmutend schön – aber in dieser angespannten Situation hat für romantischen Naturgenuss kaum einer Muße. Die Bergkulisse wird mehr mit einem weinenden denn lachendem Auge betrachtet. Umgeben von den grandiosen Elementen der Natur schrumpft das Ich zu einem Brösel. Der Gedanke, dass oben am Horizont des Hochgebirgsmassivs Himmel und Hölle sich nahe sind, ist gar nicht so abwegig. Der erschaudernde Anblick dieser baumfreien Hochgebirgswand sowie die monstersteile in Stein gemeißelte 15-Kehren-Zick-Zack-Serpentinenstraße verfehlt ihre tiefenpsychologische Wirkung nicht. Manch niedergeschlagenem Zeitgenossen versetzt der entwaffnende Anblick den psychologischen Todesstoß, so dass er freiweg kapituliert. „Mission Impossible“.

Energienachschub tut Not, und eine kurze Erholungszeit wirken nicht selten Wunder. Jeder hat sein eigenes Kopfkino. Je nach Gemütsverfassung mögen die finalen 11 Bergkilometer (800 hm) unbezwingbar erscheinen. Der Gefühlsstrudel schwankt zwischen Hoffen und Bangen. 

Jeder Teilnehmer ist angehalten unbedingt die ausgewiesenen Wegwerfzonen an den Verpflegungsstationen zur Entsorgung von Gel- Riegelverpackungen, Bananenschalen und sonstiges zu nutzen. Wer außerhalb dieser Zonen Müll entsorgt und dabei erwischt wird, wird ohne lang zu fackeln disqualfiziert. 

Ästethisch beeindruckende Symbiose von Natur & Mensch

Nach der Labestation rollt es sich noch 1.5 km bis zur Timmelsbachbrücke flach dahin. Dafür werden die nachfolgenden Steigungen bis 14 % schon fast als Strafe für das erholsame Flachstück empfunden – die irrationale Gedankenwelt öffnet ihre Pforte. Nach der 180° Kurve über den Passer endet die Flachpasage. Nun beginnt der finale Akt. Der Ötztaler wäre nicht das was er ist, wenn dieser selektive Rampenanstieg fehlen würde.

Beim Hinweisschild zur Labestation Seeberalm wittert so mancher Fahrer anspornende "Morgenluft". Die Chancen zu finishen steigt Höhenmeter um Höhenmeter.

Die einsame Gletscherkulisse im Blickfeld könnte zumindest zeitweise von den brutalen Strapazen ablenken. Nur Jammerschade, dass man dafür kaum einen Blick übrig hat.

Rennleiterfahrzeuge sind von 6.45 - 20.45 Uhr permanent im Einsatz, um über das Geschehen und das Wohl der Fahrer zu wachen oder im Bedarfsfall Hilfe zu leisten. 

 

Unberührte Naturlandschaft lädt zum Abschalten ein. Manch einem mag in den Sinn kommen, in dieser herrlichen Gegend mal ohne Zeitdruck zu radeln oder gleich einen Trainingsurlaub hier zu verbringen.

Licht am Ende des Tunnels? Leider nein, der letzte Tunnel vor der Passhöhe liegt knapp 700 m höher.

Vorbei am Gasthof Hochfirst wird die Höhe von 1 800 m.ü.M. überschritten, wodurch die Vegetation im Hochgebirgsklima rapide abnimmt. 

Die berüchtigten Kehren bis zum Tunnelportal verlangen alles ab, egal welcher Leistungsriege man angehört. Je später die Stunde, desto mehr schieben ihr Vehicle den Anstieg hinauf. Manche sind von Krämpfen geplagt oder müssen gar den Traum vom Ötztaler aufgeben, nur um es im nächsten Jahr vielleicht erneut zu versuchen. Wie schrieb ein Blocker: "Ich kenne einige, die die Strecken des 'Ötztalers' im Vorfeld zwar in Etappen schon gefahren sind - und um ihn dann aber nicht anzugehen. Weil ihnen dann eigentlich erst bewusst war, was da auf sie zukommt". 

Kehre um Kehre im gesitig umnachteten Tunnel nahe des Deliriums...

Gesenkte Häupter, stoirsche Blicke, mystische Stille - eine gespenstige Szenerie, die am Timmelsjoch den Normalfall widerspiegelt. 

Von den beeindruckenden Panoramen bekommt der Rennteilnehmer leider nur am Rande etwas mit. 

Und wieder ein Lichtblick...

Die Serpentinen-Galerie nimmt kein Ende

Der Rettungsanker naht

 

wenn auch nach einer gefühlten Ewigkeit

Das geistige Etappenziel - die Passhöhe - ist noch 7,4 km entfernt, wobei 300 hm eigentlich kein unüberwindbares Hindernis mehr darstellen. 

Presse-Motorräder im Einsatz

Kurze Verschnaufpause

Die Getränkestation Seeberalm (KM 209, 2 250 m.ü.M.) sorgt allein durch ihre Höhenlage für psychischen Auftrieb. So kurz vor der Timmelsjoch-Querung jedenfalls mehr als ein Hoffnungsschimmer. Ein RedBull oder koffeinhaltige Cola - mag Flügel verleihen. Wie heißt es so schön: Glaube versetzt Berge. Dennoch ignorieren nicht wenige die Getränkestelle um nicht aus dem Rhythmus zu kommen. Schließlich liegt der 4 km entfernte und 250 hm liegende Timmelsjochtunnel in "geistiger" Reichweite. Jener Knackpunkt, wo die Steigung spürbar abflacht und einem das beruhigende Gefühl suggeriert alles in trockene Tücher gewinkelt zu haben. Mit jedem Watt Kurbelleistung wird nun der „Ötzi-Sack“ fester zu gezurrt. 

Die Seeberalm dient hauptsächlich dem Flüssigkeitsnachschub. Temperaturabhängig herrscht mehr oder weniger Andrang.

 

Ob ein Blick nach oben für die Psyche förderlich ist sei dahingestellt.

Richtet sich der Blick aus der Vogelperspektive auf die übereinander geschachtelten Serpentinen, lichtet sich die Endzeitstimmung. 

Wer genau hinschaut erkennt das Gasthaus Hochfirst sowie in der Bildmitte die Labe Schönau, die etwa 700 Tiefenmeter weiter unten liegt. Aufkeinemde Hoffnung lässt nicht lange auf sich warten.

Das Serpentinenfest in vollem Gange.

Für Laien unvorstellbar, welche Wahnsinnsleistungen beim Ötztaler erbracht werden.

Traversen, welche die Serpentinen miteinander verbinden erscheinen im Schneckentempo auf der ca. 12 % steilen Straße als unendlich lang.

Die Bilder gleichen sich, kaum um die Kehre herum folgt das nächste grauslig steile Asphaltband.

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte...

 Der innere Schweinehund

An dem kargen Felshang oberhalb der Waldgrenze schachteln sich die Serpentinen furchterregend übereinander. Der Fokus liegt auf der Serpentine am Horizont, als läge dahinter das Jenseits. Kaum herum gekurbelt, beginnt dasselbe Spiel von vorn. Jede Kurbelumdrehung schmerzt. Wiegetritt lindert zwar die Wehwehchen zu lindern. Der Wiegetritt – oder besser „Würgetritt“ - soll zwar ab 10% Steigung etwas schneller sein, allerdings wird durch das Körperpendeln vermehrt Energie verbraucht. Die Welt spielt sich auf wenige Quadratzentimeter vor dem Vorderrad ab. Selbst das grandiose Hochgebirgspanorama wird im Ausnahmezustand nur phrasenhaft wahrgenommen. Stille prägt das Geschehen. Nonverbale Blickkontakte ersetzen in der sauerstoffarmen Höhenluft anstrengende Wortwechsel. Fahle Gesichtsausdrücke sprechen Bände. Geistesabwesend ist jeder auf dasselbe Ziel programmiert: das „Fell des Bären“ zu erlegen, koste es was es wolle. Das einzig Positive mag sein, dass es keinem Fahrer besser zu ergehen scheint als einem selbst. Dementsprechend spielen sich Überholvorgänge im Zeitlupentempo ab. Motivationstrick: anstatt die demoralisierende Steilwand hinauf zu schauen, lieber den Blick in Vogelperspektive auf die quälend tretende Ameisenstraße des Nachfolgerfeldes richten, schon blitzt Hoffnungsschimmer auf. Es mag ein schwacher Trost sein, wenn es Mitstreitern augenscheinlich nicht besser ergeht, aufbauen tut’s trotzdem. Dazu ein im Geiste gemurmeltes Selbstüberlistungsmantra – getreu nach Udo Lindenbergs Songtext "Hinterm Horizont geht's weiter", schon lässt sich der Widerstand in Trance eine Spur leichter weggetreten. Zweckoptimismus schadet nicht, denn in scheinbarer Aussichtslosigkeit stärkt Zuversicht die Moral. 

Zunehmend wird es mühseliger Energiereserven zu mobilisieren. Selbstzweifel und Versagensängste lasten schwer auf den Schultern. Am Rand der Selbstaufgabe befindet sich der hämmernde Schädel unter destruktiven Dauerbeschuss. Steht es Spitz auf Knopf, ist Ehrgeiz und Entschlossenheit mehr denn je gefragt. Doch leichter gesagt als getan, denn widerspenstige "Grabenkämpfe" setzen die Psyche gehörig unter Druck. Des Radlers ärgster Feind - der innere Schweinehund - hat bei 14 % Steigung und eingedenk miserabler Verfassung  "Heimvorteil". Er rückt einem als nervtötender Trittbrettfahrer nicht mehr von der Pelle und zettelt einen ergebnisoffenen Machtkampf an. Der Schwerenöter führt Böses im Schilde, was schlechterdings im Albtraum endet. Er nistet sich in den Gehirnarealen ein, um Synapsen umzupolen und den Vorwärtstrieb auszubremsen. Der neuronale Bremsschuh ist wahrer Meister der Manipulation und steht symptomatisch für Willensschwäche. Geisterten am Jaufen nur zaghaft Sinnfragen durch den Kopf, so zermatert der inzwischen sesshaft gewordene Quälgeist nachhaltig die Moral. Heimtückisch hat er das Regiment übernommen und durchlöchert Tritt für Tritt die Moral. Unangenehme „W-Fragen“ Warum-Wieso-Weshalb suchen verzweifelt nach Antworten. Warum mach ich das – warum tu ich mir das an, warum, warum, warum? Die irrationale Gedankenwelt steht in kausalem Zusammenhang zur körperlichen wie psychischen Verfassung. 

Doch es ist nicht aller Tage Abend, dieses niederträchtige "Biest" zu entmachten. Hält man sich den Widersacher vom Leib und überwindet Schmerz, Qual und Ängste, bleibt der Motor auch wattreduziert im Economy-Modus am Laufen. Entgegen aller Widerstände zum Trotz setzt ein echtes Kämpferherz unglaubliche Restenergien frei. Sportwissenschaftler, Motivationstrainer und Psychologen sind sich einig, dass Wettkämpfe in erster Linie im Kopf gewonnen werden. Die Kraft des Positiven Denkens besitzt ein Momentum, das über Sieg und Niederlage entscheidet. Je höher es hinaufgeht und Moral die Oberhand behält, desto mehr wird dem lästigen Plagegeist im Kopf die Handlungsgrundlage entzogen. Bleibt man Herr der Lage und obsiegt die Willensstärke, bekommt die lästige Klette ihren Laufpass. 

Im Bild der maestätische Granatenkogel (3318, m), die 3200 Meter hohe Essener Spitze und der 3 403 m hohe Hochfirst.

Nehmen Beschwerden überhand und wirkt das Schneckentempo bedrohlich kipplig oder quittiert der Kopf wider Erwarten doch kläglich seinen Dienst, no Panik. Absteigen - cool bleiben - sacken lassen. Selbst wenn es dem Ego einen empfindlichen Schlag in die Magengrube versetzt, erlaubt die brenzlige Extremsituation alles was irgendwie weiterhilft. Dehnungsübungen, Lockerung der Muskulatur, Trinken (Natrium), Durchschnaufen nur um irgendwie wieder zu Kräften zu kommen. Selbst Schiebebetrieb ist zu später Stunde häufig zu beobachten. Hauptsache peu á peu vorwärts. Zur Ablenkung an der Trinkflasche zuzeln oder den x-ten Riegel / Gel einwerfen, im Glauben, die Mitochondrien - der Verbrennungsmotor - wird es richten.

Jan Ullrich fuhr von 2011-2016 regelmäßig mit. Ullrich startet zwar eigenem Bekunden zufolge nach dem "Just for fun Prinzip" doch seine formidablen Zeiten zeigen, welches Potential er immer noch besitzt. 2015 blieb er knapp unter 8 Stunden und wurde in seiner Altersklasse 45 bzw. Gesamtklassierter 112 von 4 298 Startern.

Manch geistig Weggetretener mag sich bei den nepalesisch anmutenden "Gebetsfahnen" ins Reich des Himalayas versetzt fühlen.

Nach dem aufoperungsvollen Kampf keimt mit der abflachenden Steigung zaghafte Vorfreude auf. Die physische und psychische Zerreißprobe scheint überstanden zu sein, was flugs die Moral stärkt. 

Der Autor bei seiner vierten Teilnahme (2014) ausnahmsweise selbst im Rampenlicht. Weitere Finishes erfolgten 2015 und 2016. Ob 2019 ein finaler Versuch folgt wird sich zeigen.  

Passend dazu der Lichteinfall am Ende des 500 m langen Scheiteltunnels, der der geschundenen Seele Auftrieb gibt. So verwandelt sich der „Tunnelblick“ zum Lichtblick, was nach Stunden der Entrücktheit der reinste Segen ist. Beflügelnde Euphorie, die eine Eigendynamik in Gang setzt, welche an „Phönix aus der Asche“ erinnert. Timmelsjoch - Himmel & Hölle, Liebe & Hass, Tiefen & Höhen, Kälte & Hitze - die Gegensätze ließen sich beliebig fortsetzen.

Das Licht am Ende des Tunnels, besser lässt sich dieser Moment wohl nicht beschreiben. 2 km später - nahezu steigungsfrei - durchlebt man bei der Passüberquerung auf 2 509 m Höhe den Gipfel der Glückseligkeit. Die Freisetzung von Stresshormonen führt zu einer Mobilisierung körpereigener Energieträger, indem ansteigender Adrenalinspiegel für Neubildung von Glucose sorgt und den Blutzuckerspiegel erhöht. Körpereigenes Doping das obendrein die Gehirnleistung stärkt und Krampfanfällen vorbeugt. Für die bevorstehende Passabfahrt nach Sölden kommt der „Zuckerstoß“ gerade recht. Dem Testosteron ist es zuzuschreiben, dass sich hier so manches Ego wieder "aufmannelt".

Das Passeier Tal hat man endlich hinter sich gelassen. Eine neues Bergpanorama tut sich auf.

Der nahezu steigungsfreie Abschnitt bis zum 2 km entfernte Passscheitel ist nach stundenlanger Mordsschinderei eine echte Wohltat. 

Nur noch wenige Kurven bis zur Kontrollstelle.

Schwarz auf Weiß: man ist OBEN

Der Autor fix und alle, aber glücklich

Aufsitzen, Geschwindigkeit aufnehmen, nun wird der Sack zugemacht

Die vorletzte Zeitmesstation. Nun heißt es konzentriert und besonnen in die Abfahrt gehen.

Geschundene Seelen mögen die Anblick als Himmelspforte empfinden.

 Timmelsjoch-Bergzeitwertung

2018 passierte Nothegger Mathias (A)  als erster Fahrer das Timmelsjoch nach 6:34.35, während der Letztklassierte 12:27.49 benötigte.

Schnellster der Bergzeitwertung war Nothegger Mathias in 1:30.07.

Im Zeitfenster von 1 Stunde - bezogen auf den Führungsfahrer - lagen 118 Fahrer.