KM 88, Innsbruck (600 m) – Brenner (1 377m), 39 km / 777 hm
Steigungsmittel 2.8 %, max. 12 %

Nachdem die Inntal – Autobahn (A 12) sowie Brenner – Autobahn (A 13) überquert sind, endet abrupt die städtische Bebauung. Mehr oder weniger große Fahrerpulks jagen fast in einem 30 er Schnitt der zweiten Bergwertung des Tages - dem Brenner - entgegen.

Doch Vorsicht: so vermeintlich einfach wie der Brenner allgemein eingeschätzt wird, so leicht kann man sich auf den flachen, langgezogenen Steigungen verausgaben. Die moderate Strecke verleitet gern zum "Überpacen". Wer auf diesen 42 km zuviel Kraft liegen lässt, büßt für seinen Leichtsinn später umso mehr. Auch hier gilt in einem Bereich von rund 80% der funktionalen Schwellenleistung (FTP) zu bleiben (FTP entspricht jener Leistung, die man maximal über 60 Minuten erbringen). 

Linkerhand sieht man den Bergisel (746 m.ü.M.), der von Brennerautobahn und Bahnstrecke unterquert wird und auf dessen Gipfel die 2003 neu erbaute 134 m hohe Bergisel- Skisprungschanze trohnt. 

Da der Brennerpass - bedingt durch Flachetappen im Mittel nur 2.8 % Steigung aufweist, sorgt hohe Leistungsdichte zumindest bis zum 10% steilen Schlussanstieg für eine hohe Gruppenkonsistenz. So kommt es, dass Pulks mit weiteren Gruppen fusionieren nur um später wieder auseinander zu fliegen. Kompakte Leistungsdichte und das wellige Profil begünstigen den Effekt, dass häufig Tempomacher den Takt angeben und im Schlepptau riesige Fahrerfelder hinterher ziehen. Wer den Windschatten reißen läst erleidet keinen Beinbruch. Innerhalb kürzester Zeit schließen Nachfolgende auf und sammeln "Gestrandete" ein. Potentielle Siegfahrer hingegen halten sich in diesem frühen Rennstadium wohlweislich bedeckt und schwimmen in den vorderen "Fluchtgruppen" mit. 

Ein letzter Blick auf Innsbruck, die Nordkette und den Hausberg Patscherkofel bevor es ins Wipptal geht. Nur kurze Zeit später wird die Bebauung spärlicher. Neben aller Kraftanstrengung verwöhnt das wunderschöne Wipptal mit tollen Ausblcken.

Entgegen den anderen Passstraßen wird am flachsten Übergang des Alpenhauptkamms mit seiner moderaten Steigung - unterbrochen von längeren Flachpassagen - richtig auf die Tube gedrückt. Solange man in einer harmonisch funktionierenden Gruppe Unterschlupf findet, macht das Fahren nicht nur Spaß sondern baut ganz nebenbei auch die Psyche auf. Allerdings ist die Gefahr nicht zu unterschätzen, wenn man zu lange mit einer zu schnellen Gruppe massig Körner verbrennt die u.U. später fehlen könnten.

Langsam verschwindet das Häusermeer der 132.493 Einwohner zählenden Tiroler Landeshauptstadt.


Rücklings lugt die 2000 m hohe Nordkette hervor.

Wer ökonomisch fahren möchte und mit seinen Kraftreserven haushaltet sollte soweit es möglich ist keine Führungsarbeit leisten. In größeren Gruppen gibt es meist genügend "Alphatiere", die sich als Lokomotive nicht zu schade sind.

Die Europabrücke - höchste Balkenbrücke Europas - überspannt das Wipptal in einer Höhe von 190 m. Konzentriert darauf, das Hinterrad des Vordermanns nicht zu verlieren wird das Bauwerk nur beiläufig wahrgenommen.

Sofern der Zug gut rollt kann auf dem 40 km langen Streckenabschnitt zum Brenner richtig Zeit gut machen und obendrein Energie sparen.

Kilometer und Höhenmeter purzeln aufgrund der hohen Schnittgeschwindigkeit im Akkord. Während die Brennerstraße in Schönberg (900 m) geradeaus führt, zweigt rechts eine Straße ins Stubaital ab.  

Eigentlich schade, dass die Wahrnehmung der schönen Gegend durch die Konzentration auf das Renngeschehen erheblich eingeschränkt ist. Aber der Ötztaler ist nunmal ein Wettkampf, wo es in erster Linie um die Zeit geht. Alles andere drum herum ist nebensächlich. 

In unübersichtlichen Kurven sollte keinesfalls in Zweierreihe oder gar auf der linken Fahrbahnseite geradelt werden. Trotz Verkehrssperrung kann nicht hundertprozentig ausgeschlossen werden, dass unerlaubterweise trotzdem ein Fahrzeug den Streckenabschnitt befährt.

Schlag auf Schlag werden Matrei (995 m.ü.M.), Steinach (1 084 m.ü.M.) – früherer Austragungsort des Ötztalers - und Gries am Brenner (1 165 m.ü.M.) passiert.

Intensität hin oder her - für ein fotoges Konterfei ist ein verschmitztes Smiley drin, bevor sich die Miene des Autors wieder versteinert.

Große Pulks sind charakteristisch für die Auffahrt zum Brennerpass.

Entlang saftiger Almwiesen geht's vorbei am Weiler Mühlbachl. 

Matrei a.Brenner liegt 992 m.ü.M. Die Marktgemeinde mit 935 Einwohnern im Bezirk Innsbruck Land (Tirol) weist einen geschlossenen Ortskern mit teils reich verzierten Bürger- und Gasthäusern auf. 

Auch wenn die Brennerstraße gesperrt ist, ist zu jedem Zeitpunkt hohe Konzentration erforderlich. Querende Fußgänger bzw. (widerrechtlicher) Autoverkehr ist nicht 100% auszuschließen.

 

Nur einige Kilometer weiter wird die Ortschaft Steinach a.Brenner im Sauseschritt durchquert. Die Gemeinde hat 3 426 Einwohner und liegt 1 048 m.ü.M. 

Frenetisch schreiende Zuschauer tun immer gut. Das heizt die Motivation an und pusht die Laune. Ratz fatz ist die Welt wieder rosarot bis der innere Schweinehund wieder Oberwasser bekommt. 

Kinder finden es cool, wenn ihnen die Hand zum Abgeklatschten entgegen streckt.

Kaum ist die Ortschaft durchquert, taucht man wieder in die Natur des Wipptals ein. Entlang der Sill, die in den Zillertaler Alpen unterhalb der Wildseespitze am Alpenhauptkamm südöstlich des Brennerpasses entspringt, rauscht Gruppe für Gruppe den Brennerpass in hohem Tempi entgegen. Der Gebirgsbach durchfließt den Brennersee sowie den Nordtiroler Teil des Wipptales und mündet nahe Innsbruck in den Inn.

Zuschauer sei Dank: Anfeuerungsrufe und aufmunterndes Klatschen sind Wasser auf die Mühlen der Motivation. Ist Gries a.Brenner (1 165 m.ü.M.) passiert naht allmählich der steilste Streckenabschnitt der Brennerstraße.

Einerseits registriert der Kopf mit Genugtung, dass mittlerweile eine gute Wegstrecke geschafft ist, andererseits ist auf klar, dass die echten "Hämmer" noch bevorstehen. Genau genommen beginnt die Härte des Ötztalers erst in Südtirol, wo sich die muskuläre Belastung am Jaufenpass bemerkbar macht.

Nach Gries am Brenner wird der Schlussabschnitt zur Passhöhe in Angriff genommen.

Jeder durchlebt seine eigene Gedankenwelt. Wer sich den Ötztaler gedanklich in "Etappenziele" einteilt, fokussiert z.B. nur den nächsten Pass um belastende Sinnfragen zu vertreiben.

Die Enge des Wipptals bringt es mit sich, dass die Autobahn nun parallel zur Brennerstraße verläuft.  Das unterschiedliche Höhenniveau der beiden Hauptverbindungsachsen endet am Brennerpass.

Langsam zieht die Steigung an, was Leichtgewichtige bevorteilt und sie leichtfüßig davon ziehen lässt. Tja, nicht jeder verfügt über die Körpermasse von Nairo Quintanas. Den alles entscheidende Leistungsfaktor <Watt je Kilogramm> erlebt der Radsportler tausendfach in seinem Hobby-Leben. Je steiler es hinauf geht desto mehr fallen überzählige Kilos  ins Gewicht.

 Die Brennerautobahn (Transitanteil 83 %) ist die vom alpenquerenden LKW-Verkehr am stärksten betroffene Autobahn (2 Millionen LKWs jährlich). Die Anrainer warten aufgrund der hohen Emissionen und wegen des extremen Verkehrslärms sehnlichst auf den 55 km langen Brenner-Basistunnel (2026), der den Transitgüterverkehr von der Straße auf die Schiene verlagern wird.  

Vis a Vis des 19 ha großen Brennersees (1 310 m.ü.M.) wird die Brennerstraße im Schlussabschnitt mit 12 % nochmals richtig steil. Postwendend zerfallen die kompakten Fahrertrauben. 

Die private Verpflegungslogistik hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Freunde bzw. Familienangehörige warten am Streckenrand auf ihre Schützlinge, um sie mit Proviant, Kleidung und Infos zu versorgen. Den "Betütelten" bleibt damit ein zeitraubender Labe-Aufenthalt erspart. Speziell die große Labe am Brenner ist gut 2 Stunden lang stark besucht. Da können schon einige Minuten vergehen bis man die Weiterfahrt fortsetzt.

Das Piepsen an der Zeitmesskontrolle signalisiert die erfolgte Datenregistrierung. 

Von Jahr zu Jahr werden es am Brenner mehr Betreuer und Zuschauer. Wer hier von Freunden bzw. Angehörigen versorgt wird, spart sich die Anfahrt zur zeitraubenden Labe. Immerhin passieren innerhalb einer Stunde nach der Führungsgruppe ca. 1 500 Teilnehmer, weswegen sich Wartezeiten bei der Verpflegungsstation nicht gänzlich vermeiden lassen.

 Brenner-Bergzeitwertung

2018 passierte Fanelli Lorenzo (I)  als Erster Fahrer den Brenner (3:23.01), während der Letztklassierte 5:46.28 benötigte.

Schnellster der Bergzeitwertung war Steinkeller Klaus (A) in 1:03.56.

Im Zeitfenster von 1 Stunde - bezogen auf den Führungsfahrer - lagen 1 465 Fahrer. 

Ohne Schlagbaum geschieht der Grenzübertritt nahezu unbemerkt. Wo früher Carrabinieris die Ötztal-Teilnehmer durchgewunken haben, stehen heute viele Zuschauer am Straßenrand. 

Der Brennerpass mit einer Seehöhe von 1370 m ü. M. ist der niedrigste und bereits von den Römern viel benutzte Pass über den Alpenhauptkamm. Er bildet die Grenze zwischen Nordtirol/Österreich und Südtirol/Italien, deren Verlauf großteils den Wasserscheiden auf den Kämmen der Tiroler Hochgebirge folgt. Während die Nordhälfte des Wipptals von der Sill via Inn und Donau zum Schwarzen Meer hin entwässert wird, erfolgt dies auf der Südhälfte durch den Eisack (via Etsch zur Adria). 

Auf Wiedersehen Tirol – Arrivederci Austria

Willkommen Südtirol - Benvenuto Alto Adige

Früher wurden die Ötzti-Teilnehmer von diensthabenden Grenzbeamten, der österreichischen Obrigkeit sowie der italienischen Exekutive, den blau uniformierten Carabinieris freundlich durch gewunken. Seit dem EU – Betritt Geschichte. Die Gemeinde Brenner mit seinen 2 146 Einwohnern liegt im äußersten Norden Italiens (Südtirol) in der Provinz Bozen und grenzt an das österreichische Nordtirol. Durch den Abzug der Zollbeamten musste der Ort zwar einen herben Verlust wirtschaftlicher Prosperität hinnehmen, doch mittlerweile hat sich der ehemalige Grenzort zu einem Tourismus- und Dienstleistungsort verwandelt.

Zahlreiche Zuschauer bekunden ihren Respekt.

Vom Brennerpass auf 1 370 m Höhe führt die Brennerstraße SS 12 26 km nach Sterzing (914 m). Eines ist klar: wer am Brenner bereits nach 2 000 hm rein aus konditionellen Gründen aussteigt hat in Sachen Trainingsvorbereitung definitiv erheblichen Nachholbedarf. 

Für die einen ist die Labe der erste, für andere der zweite Stopp. Ambitionierte "Selbstversorger" lassen hingegen auch diese Verpflegungsstation rechts liegen. 

Es ist immer dasselbe Ritual: rasch möglichst viel Energie und Flüssigkeit zuführen, Trinkflaschen auffüllen und möglichst schnell wieder auf den Sattel, denn die Zeit läuft unerbittlich. Die reine Fahrzeit ist irrelevant, es zählt einzig und allein die Bruttozeit (Fahrzeit + Stillstandzeit).

Eine Binsenwahrheit: umso heißer es ist, desto mehr muss man Trinken. Eine Prise Salz im Getränk hilft Krämpfe zu vermeiden( Muskelkrämpfe resultieren hauptsächlich aus Natriummangel). 

Labestation Brenner  (KM 127 / 1 377 m.ü.M.). Während Top-Favoriten – allen voran die „Pastafraktion“ von ihren Wasserträgern und Betreuern professionell  versorgt werden, tut dies das „Fahrervolk“ an den Laben. 

Anekdote am Rande: dem deutschen Amateurfahrer Jens Volkmann (2003 Viertplatzierter), unterlief bei der Verpflegungsbeutelübergabe ein tragisches Malheur: „Ich bekam den Beutel zu fassen, aber eben nicht richtig bzw. nicht fest genug, sodass er mir gleich wieder aus den Händen glitt. Ganz große Scheiße jetzt! Nix zu saufen an Bord und tierisch Durst. Fragte mich einer der anderen Fahrer „Und was machste jetzt?“ worauf ich antwortete: „Nix, weiterfahren, schließlich hab ich doch ein <7 Kilo Rad>.“ 

Auch wenn es bei Hobbyfahrern weniger hektisch zugeht, Zeit möchte keiner verlieren. Forza Forza...Man tut gut daran im Oberen Wipptal (Alta Valle Isarco) entlang des Eisacks einen Windschatten zu ergattern, um ein wenig auf energiesparenden Schongang zu schalten. Dies hilft, am Fuße des Jaufenpasses weniger entkräftet anzukommen. Kräftezehrende Soloritte kosten in diesem Streckenabschnitt wertvolle Substanz, vor allem wenn der Wind von vorne bläst. 

Die Brenner – Bundesstraße (SS 12) verläuft parallel zur Autostrada del Brennero angenehm abschüssig. Schon bald wird Gossensaß (Colle Isarco), 1 098 m.ü.M. der Provinz Bozen, (Region Trentino Südtirol) durchpfeilt. Im malerischen Ortskern applaudieren begeisterte Zuschauer den vorüberrasenden Hasardeuren – der Sekunden-Motivationsschub folgt auf den Fuß. Doch Vorsicht: die scharfe Linkskurve hat es in sich!

Die Ortschaft wurde in einem Schüttelreim von Wendelin Überzwerchs Buch „Aus dem Ärmel geschüttelt“ erwähnt: 

Ein Auto fuhr durch Gossensaß,

Und kam in eine Soßengass,

So dass die ganze Gassensoß

Sich über die Insassen goss.

 

Sterzing (Vipiteno, 948 m.ü.M.) war aufgrund seiner geographisch zentralen Lage zwischen dem Jaufen- und Brennerpass sowie Penserjoch seit jeher eine wichtige Handelsstadt. Der Eisack - Südtirols zweitgrößter Fluss - entspringt am Brenner in knapp 2 000 m Höhe und mündet südlich von Bozen in die wasserärmere Etsch. Naturkundliche Begebenheiten sind im Racemodus natürlich ausgeblendet. Dagegegen wird das Hinweisschild Jaufenstraße SS 44 (Via Giovo) am Ortsende sehr wohl registriert. Passo Giovo – der Jaufenpass ruft! 

 Nach kurzer Flachetappe werden ab Gasteig (Casateia) die Karten wieder neu gemischt. Auf in den 3. (Pässe-) Akt des Tages!

Auch um Sterzing ist die Verkehrsstraße halbseitig für Kraftfahrzeuge gesperrt. Dieses Sicherheitsplus weiß man als Teilnehmer sehr wol zu schätzen.

Nun heißt es sich mental auf's nächste Bergzeitfahren einzustellen.