Timmelsjoch KM 207 (2 509 m) - Sölden KM 231 (1 337 m) 

KM 207 markiert den Grenzübertritt Italien - Österreich. Das dichte Mittelfeld (Gesamtzeit im Mittelwert – Ranking aller Fahrer ca. 10.30 h) liegt zu dem Zeitpunkt rund 3 ½ Stunden zurück.

Auf Wiedersehen Südtirol - Arrivederci Alto Adige 
Willkommen Tirol - Benvenuto Austria!

  Timmelsjoch
Seit 1919 ist das Timmelsjoch zwischen Österreich (Bundesland Tirol) und Italien (Provinz Südtirol) Grenzpass. Es verbindet das Passeier Tal mit dem Ötztal und trennt die Ötztaler Alpen von den Stubaier Alpen - ferner verläuft hier die Europäische Wasserscheide. Die Südrampenstraße wurde ab 1933 noch unter Mussolinis diktatorischer Herrschaft bis 2 km vor die Passhöhe gebaut, während die asphaltierte Nordrampe von der Tiroler Seite erst 1959 befahrbar war. Der straßenbauliche Lückenschluss erfolgte am 15.09.1968. Der Giro d’Italia überquerte den Pass von Meran kommend das einzige Mal 1988. Europa wächst zusammen, das frühere Zollamtsgebäude (Bild) wurde abgerissen. 

Yeah, der harte Brocken ist gepackt! Die Anflutung von Glückswallungen ist fast grenzenlos, allein schon deshalb weil der Kopf ganz klar registriert das Finish so gut wie sicher in der Tasche zu haben.

Wer 24 km vor dem Zieleinlauf den höchsten Punkt des Ötztal-Radmarathons erreicht hat, lässt sich die Butter normalerweise nicht mehr vom Brot nehmen. Trotzdem sollte man den Tag nicht vor dem Abend loben. Da keiner Zeit verlieren möchte, kann man das atemberaubende Hochgebirgspanorama allenfalls beiliäufig einen Blick schenken. Immerhin trohnt hier die vergletscherte Wildspitze (3 770 m), die nach dem Großglockner der zweithöchste Berg Österreichs ist. 

Nachzügler werden 1 Stunde vor Kontrollschluß von Helfern mit Lampen und Rückleuchten ausgestattet. Wer das Zeitlimit überschreitet dem bleibt nur die Rückfahrt nach Sölden im Besenbus.

Für total erschöpfte Fahrer, die sich stundenlang die Pässe hinauf quälten ist es in der Tat ein unvergesslicher Wahnsinnsmoment, das akustische Signal der Zeitmessung wahrzunehmen. Erst recht für jenen Fahrer dem mitgeteilt wird, dass er der Letztklassierte ist und es gerade noch geschafft hat in der Wertung zu bleiben. Dem Schlusslicht des Ötztalers wird ab dem Timmelsjoch jedes Jahr die Ehre zuteil, den Schlussabschnitt nach Sölden von einem riesigen Autokorso an Rennleiter- und Helferfahrzeugen eskortiert ins Tal gebracht werden. 

  Gefahrenpotential

Die Timmelsjochstraße (10 Kehren) verfügt einen guten Fahrbahnbelag. Potentielle Gefahren kurz vor dem Ziel in der Erschöpfung, den frei laufenden Kühen und bisweilen auftretenden Windböen. Während hoher Belastungsintensität werden vorwiegend Kohlenhydrate verstoffwechselt (benötigt weniger Sauerstoff als Fettstoffwechsel).Der Kohlenhydratstoffwechsel hat für die Verwertung des Zuckers (Glucose) als Energieträger große Bedeutung. Daher macht es Sinn vor der Abfahrt eine Banane, Trockenfrüchte oder Power Gel aufzunehmen. Geleerte Glucosespeicher (niedriger Glucoseanteil im Blut) senkt den Blutzuckerspiegel, was u.a. die Sensomotorik beeinträchtigt. Nicht nur die Beinmuskulatur benötigt Kohlenhydrate sondern auch das Gehirn, was besonders bei hohen Konzentrationsleistungen der Fall ist. Da Gehirnfunktionen nur bei ausreichender Kohlenhydratzufuhr optimal funktionieren, führt eine Mangelversorgung zu Konzentrationseinbußen (Kondition = Konzentration). Risikofaktoren, über die sich arglose Fahrer im Rennmodus selten bewusst sind. Kurvenlage, hohe Geschwindigkeit, Linienwahl und Bremsmanöver erfordern geistige Potenz, die messerscharfe Konzentration, situationsangepasste Koordination, Handlungs- und Reaktionsschnelligkeit wie Reflexfähigkeit erlauben. Sensomotorischen Vorgänge, die nach kräftezehrender Ausdauerschlacht nicht mehr präzise und schnell funktionieren wie es zu Beginn des Wettkampfs der Fall war. Deshalb können sich Fahrfehler einschleichen. Straßennässe, Kälte und Wind verschärfen zudem das Gefahrenpotential. Ein unangepasster (euphorischer) Fahrstil kann schnell in eine Schlitterpartie ausarten. Stürze in der Endphase sind symptomatisch für Konzentrationsschwäche und Selbstüberschätzung. Daher ollte man sich nicht arglos in trügerischer Selbstsicherheit wiegen und riskante Fahrmanöver unterlassen. Ganz nach dem Motto: Gefahr erkannt - Gefahr gebannt!

Es ist ratsam vor der frischen Abfahrt eine Windstopperweste überzuziehen. Um die Konzentration aufrecht zu erhalten hilft ein Energienachschub mit hohem Glykämischen Indexwert (GI), der den Blutzuckerspiegel rasch ansteigen lässt. Nach Aufspaltung im Verdauungstrakt werden die Nährstoffe direkt im Blutkreislauf aufgenommen (resorbiert) und zum Gehirn wie auch Muskeln transportiert. Ein Insulin-Schub aktiviert die Kraftreserven. Lebensmittel mit hohem GI: Maltose (Malzzucker) 110, Glucose (Traubenzucker) 100, Honig 87, Vollweizenbrot 72, Rosinen 64, Bananen 62. 

 Innerhalb weniger Minuten purzelt Kehre um Kehre das Höhenlevel. 

Solgange die putzigen Galloway-Rinder der Straße fern bleiben ist für Rennradler alles gut.

Wie schon am Kühtai ist auch bei der Timmelsjoch-Abfahrt jederzeit mit (Nutz-) Tieren auf der Fahrbahn zu rechnen. Vorausschauendes Abfahren - gerade im Hinblick erschöpfter mentaler Ressourcen und ggf. verlangsamter Reaktionszeit - ist ratsam. Über die Sommersaison weiden etwa 3500 Schafe aus dem Südtiroler Schnalstal oberhalb von Vent.  

Eines ist klar: ohne komplette Verkehrssperrung wäre das Radrenen mit unvergleichlich größeren Gefahren verbunden. Ein Alleinstellungsmerkmal, das man als Teilnehmer nicht hoch genug einschätzen kann.

Wer es rollen lässt, erreicht in windschlüpfriger Sitzposition auf dem übersichtlichen Streckenabschnitt vor der Gegensteigung problemlos Geschwindigkeiten um die 100 km/h.

Heftige Windböen und Scherwinde sind am Timmelsjoch mehr die Regel denn die Ausnahme. Wer mit windanfälligen Hochprofilfelgen unterwegs ist muss höllisch aufpassen. Körperzittern - häufig im durchnässten und durchgefrorenen Zustand bei Regenfahrten - erscwert zusätzlich das Steuern und Bremsen, da mit eiskalten, gefühllosen Finger das Gespür für Bremsdosierung verloren geht und Körperzittern zudem Rahmen-Schwingungen auslösen kann.

Entkräfteter Zustand, Regen, rutschige Fahrbahn, schlechte Sicht und frei laufende Kühe ergeben ein besonders hohes Risikopotential.

Man glaubt seinen Augen nicht zu trauen, wenn einem der Gegenanstieg zur Mautstation so brachial eingebremst wird als hätte man einen Anker geworfen. Nun heißt es nochmals Pobacken zusammen kneifen und letzte Kraftreserven mobilisieren, um diesem lästigen 130 hm- Giftzwerg den Zahn zu ziehen. 

Eigentlich wäre der "Hügel" nicht der Rede wert, trotzdem piesackt er mit fast 5 500 hm in den Beinen gewaltig. Wenigstens leisten Glückshormone kurz vor dem Ziel ganze Arbeit. Selbst wenn Oberschenkel- und Wadenmuskulatur um Gnade winseln, sorgt Adrenalin für einen reduzierten Schmerzpegel.

Tritt um Tritt nähert man sich seinem Finisher-Traum. Erste Hormonanflutungen setzen ungeahnte Kräfte frei, die einem gefühlsberauscht fast schweben lassen. Allerdings liegt in diesem Zustand die Gefahr sich zum Schluss zu überzocken. Selbst bei diesem vergleichsweise mickrigen Schlussanstieg kann bei zu forscher Fahrweise (weil man sich unbekümmert schon im Ziel wähnt) der Schuss unvermittelt nach hinten losgehen. Einmal "blau" gefahren mag das laktatschwängernde Mißgeschick 17 km vor dem Ziel den Fahrer womöglich um die Früchte seiner harten Arbeit bringen. 

Auch der berühmte Tourteufel Didi Senft ist beim Ötztaler fast jedes Jahr zu gange. Er sorgt in seinem legendären Teufelskostüm samt Dreizack für amüsante Stimmung. 

Wer in den Vortagen seinen Namen mit wasserlöslicher Farbe auf den Asphalt sprühte tat sich in Trance schwer diesen aus Hunderten von Schriftzügen heraus zu filtern. 

Schlussfahrer sind wirklich nicht zu beneiden. Einerseits den Besenwagen im Kreuz und ständig mit der Befürchung konfrontiert am DNF entlang zu schrammen und dazu noch mit der Dunkelheit klar zu kommen ist alles andere als einfach. Aus Sicherheitsgründen wird der letzte im Klassement befindliche Fahrer ab dem Timmelsjoch benhütet von Orga-Fahrzeugen ins Tal begleitet. 

Beflügelt vom Zielgeruch sind Motivationslöcher ab der Mautstation endgültig weggeblasen. Nun kann man ruhigen Gewissens ohne Befürchtung vor dem Mann mit dem Hammer nach Sölden düsen. In aerodynamischer Unterlenkerposition wird dem Luftwiderstand wenig Angriffsfläche geboten. Nun bloß keine Konzentrationsschwäche die einem so dicht vor dem Ziel noch in Aus bugsiert könnte.

Vorbei an der Hotelsiedlung Hochgurgl (2.150 m.ü.M.) rauscht man die Timmeljochstraße neben dem Timmelsbach hinab. Eine scharfe Rechtskurve mündet in die Gurglstraße ein (linkerhand liegt Obergurgl, 1.930 m.ü.M.). Durch Lawinengalerien hindurch, begleitet ab Zwieselstein (1 472 m.ü.M.) nach Zusammenfluss der Venter- und Gurgler Ache die Ötztaler Ache abermals die Rennradler. Wellcome im Ötztal! Vier Kilometer vor dem Ziel kommt die allerletzte 35 Höhenmeter-Welle, die der Körper durch die Adrenalin- und Endorphinschwemme wie ferngesteuert erledigt. Die geballte Vorfreude beim gefühlten „Finishsprint“ kennt keine keine Grenzen mehr. 

Nach dem Ortsschild – SÖLDEN – welch erhabener Moment - geht es auf die Zielgerade - die alpenländische Avenue des „Champ-Elysees“. Die zuschauerumsäumte Dorfstraße wird als famoser Triumph wahrgenommen, egal um welche Uhrzeit man in Sölden aufschlägt. Zeit ,Ein überwältigendes Glücksgefühl das seinesgleichen sucht. Manche batteln sich noch auf der Dorfstraße um Platzierungen - dem Ego tuts gut, doch im Prinzip ist es nur noch reine Ergebnis-Kosmetik - es sei denn, dass um Podestplätze gefightet wird. Jedenfalls ist der Schlussspurt auf der Söldner Dorfstraße im Zuschauerspalier nochmals ein Kick dessen pure Gänsehaut-Feeling die Endorphinausschüttung noch verstärkt.

Es geht Schlag auf Schlag – 1000 m- 500 m- 200 m. Im Ortskern über die Ötztaler Ache, durch das infernalisch jubelnde Zuschauerspalier mitten hinein in die tosende Zielarena. Die letzten Meter werden eigentlich wie in Trance gefahren, bevor der Transponder die Finisherzeit an den Empfänger funkt. 

Das Spruchbanner empfängt und verabschiedet gleichermaßen mit dem Schlussspruch: 

HIER ENDET DEIN TRAUM

So abrupt die "Tor-Tour" ihr lang ersehntes Ende nimmt, so schnell geht die Erschöpfung im Freudestaumel unter. Der finale Hormon-Flashka tapultiert jeden Ankömmling in den siebten Himmel, was den Suchtbazillus schwupp di wupp nachhaltig aktiviert. Unterm Strich bleibt ein unvergessliches Grenzerfahrungserlebnis von dem die Glückspilze lange zehren. Erschöpfte Fahrer liegen sich in den Armen, manche wirken apathisch, andere lassen sich von ihren Angehörigen und Freunden hochleben.

Podiumskandidaten 2017

1. Cecchini Stefano, 1978, I-Lucca (LU)                6:56.34,6 (36)     

2. Zen Enrico, 1986, I-Bassano del Grappa (VI)     6:56.53,6 (3)      

3. Petzold Robert, 1989, D-Dresden                      6:59.50,3

Die emotionale Bewusstseins-Erdung fühlt sich wie ein Touch Down an. Ein geiler Moment, in dem bewusst wird, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Jeder Finisher wird unabhängig von der Ankunftszeit vom Publikum enthusiastisch empfangen.

Sieger des Ötztal-Radmarathon 2017: Orenos Laila, (CH-Gais)  und Cecchini Stefano (I)

Ausgemergelte Glückspilze versinken euphorisch im Meer der Glückseligkeit. Dabei widerfährt jedem Sportler dasselbe himmelhochjauchzende Gefühl, gleichgültig ob er ein 7 Stunden- oder 13 Stunden-Finisher ist. Vor derartigen Leistungen würde Niki Lauda bestimmt seine legendäre Kappe ziehen. Chapeau! Einheimischen liegt bei außergwöhnlichen Ereignissen gern der lockere Spruch auf der Lippe: "echt a 'lässige Gschicht'! Ist der Kampf gegen den inneren Schweinehund endgültig ausgefochten und der Act in trockenen Tüchern, wird die Challenge als solches begriffen. Wie dem auch sei, wer den Sack zu gemacht hat, ist angeturnt im Paradies angekommen. 

 Die Erlebnisse müssen nun erst mal sacken. Dass Radsportler gscheid feiern können - vor allem nach so einer Action - ist allgemein bekannt.

So schaun Sieger aus....

Herzlicher Empfang: Sarah Ennemoser (Ötztal Tourismus) und Curd Biedermann (Medienpartner). Das Resümee in einheimischem Dialekt: das war echt a 'lässige Gschicht'! 


Die Stunde ist gekommen um das Finish gebührend zu feiern.

 Nun werden Daten gecheckt und Messages um den Globus geschickt.

Das wichtigste, endlich die verschwitzte Radklamotten los zu werden und eine ausgiebige Dusche genießen.  Um 21.00 Uhr beginnt die große Finisherparty in der Freizeit-Arena. Als Teilnehmer Ehrensache dabei zu sein. 

 

Herzzereißende Sznen spielen sich ab, wenn Familienangehörige ihre "Heroes" in Empfang nehmen. Da kullern reichlich Freudestränen die Wangen hinunter. 

 Stunden später kommt der Letztklassierte an der Freizeit-Arena in Sölden samt begleitendem Fahrzeug-Tross an.

Zielschluss: mit Ankunft des letzten Fahrers beginnt im Anschluss die Finisherparty.