Tag der Wahrheit - Bericht in sechs Akten

Im folgenden wird der Ötztal-Radmarathon in sechs Episoden vorgestellt: Abfahrt von Sölden nach Ötz, Kühtai, Brenner, Jaufen, Timmelsjoch sowie das Grande Finale nach Sölden.

Um 4:15 schrillt unbarmherzig der Wecker, der Tag der Wahrheit ist gekommen. Man könnte sich schon jetzt schlaftrunken die Sinnfrage nach dem Warum stellen, wohlgleich der Tag noch viele Gelegenheiten dafür bietet. Es hilft nichts - raus aus den Federn. Systeme hochfahren – Kultivieren – rein in die atmungsaktive Arbeitskluft – Frühstücken – und ab in die Startarena. Letzte Gelegenheit nochmal zu überlegen, was man anzieht bzw. mit schleppt. Schließlich will keiner überflüssigen Ballast über die Berge mittragen. Da kommt es schon vor, dass anstatt einer Regenjacke ein  Müllsack als Regenschutz zweckentfremdet wird.

 Früh zur Startaufestellung! Wer einen halbwegs guten Startplatz ergattern möchte, sollte  etwa eine Stunde vor dem Startschuss im Startblock sein. Je später man kommt, desto weiter hinten reiht man sich ein. Wer Freunde/Angehörige an seiner Seite hat, kann sich bei der üblicherweise frischen Morgentemperatur vorübergehend eine wärmende Jacke überziehen und diese kurz vor dem Start übergeben. Angesichts der 38 km langen Abfahrt ist eine vordere Startaufstellung sinnvoll, da es die Chance auf eine gute Gruppe steigert und das Gedränge weniger heftig ist. Je weiter man vorne in der Aufstellung steht desto mehr sinkt bei den ständigen Bremsverzögerungen im dichten Fahrerpulk die Sturzwahrscheinlichkeit.

Die Luftaufnahme zeigt das langgezogene Starterfeld auf der Söldener Dorfstraße.

Die allgemeine Hektik morgens um 6.00 Uhr auf der Dorfstraße ist nichts für schwache Nerven. Lautsprecheransagen, Rotorengeräusch des Helikopters und schallende Songs wie der Abbahit „you have a dream“ oder der Klassiker „we are the champions“ pushen die innere Anspannung und verbreiten Tour de France Feeling. Manch einer hat trotz Bewegungslosigkeit vor lauter Aufregung einen Puls von 130 Schlägen - einfach so... 

Im Startblock  1 A stehen Favoriten und Promis wie große Gran Fondo-Teams aus Italien, Tiroler Lokalmatadoren und Ex-Profis Jan Ullrich, Jörg Ludewig und Konsorten. Dahinter reihen sich Block 1 B Radamateure ein, die eine Finisherzeit unter 8:20 Stunden bzw. eine bestimmte Zeitvorgabe aus anderen bekannten Radmarathons vorweisen können. 

Block 1 C ist für Medienschaffende und sonstige "Privilegierte" reserviert. In den vorderen Startblöcken zu stehen birgt Vorteile, halst aber jenen psychologischen Ballast auf, die dem Leistungslevel ihrer Mitstreiter nicht ebenbürtig sind. 

Während im ersten Startblock abgeklärte Elitefahrer und Promis routiniert Interviews geben, blicken Newcomer und "Flachlandtiroler" und manch älterer Zeitgenosse in den hinteren Reihen eher angespannt drein. Jeder hofft, das Finish vor Timeout zu erreichen zumal sich eine solche Alpenchallenge unter realen Wettkampfbedingungen schwerlich simulieren lässt. Das Wechselbad der Gefühle macht vor keinem Halt. So kommt es, dass Emotionen in der morgendlichen Kälte zwischen Euphorie, Optimismus und Selbstzweifel hin und her pendeln. Der Tag wird offenbaren, ob sich der aufopferungsvolle Trainingsaufwand gelohnt hat und man  seine sportliche Höchstleistung abrufen kann.

Helmriemen geschlossen - Tacho / GPS-Empfänger auf Null gesetzt – Höhenmeter kalibriert – Pulsuhr aktiviert - das Vabanquespiel mit ungewissem Ausgang kann beginnen. Die letzten Sekunden des Herunterzählens 10 – 9 – 8 ... zünden die Engines und fluten die Spannkraft bis in die letzte Muskelfaser. Es ist jener spannungsgeladene Moment, in denen die Sekunden kaum von der Uhr zu tropfen scheinen. Der Reizzustand reflektiert eine „Hab Acht Stellung“ wie ein Tiger vor dem Sprung. Die Luft knistert vor Spannung, bis der markerschütternde Böllerschuss die dämmernde Stille des Ötztals zerreißt. Ready-to-rumble! Rollen die Reifen über die Zeitkontaktmatte, für den gibt es - zumindest theoretisch - keinen Point of Return mehr. Die Uhr tickt. Nun gilt es die Früchte seiner entbehrungsreichen Trainingszeit einzufahren. Wie hoch diese tatsächlich hängen wird der lange Tag ans Licht bringen.

Das langgezogene Starterfeld aufgenommen in Fahrtrichtung. 

Hier beginnt dein Traum

Bis der letzte Fahrer des über 1 km langen Trosses die Messstelle überquert hat, vergehen ca. 30 Minuten. Während der 1. Startblock mit einheitlicher Startzeit (6.45 Uhr), werden die Nachfolgenden vom Real Timing System erfasst, d.h. die Zeit beginnt für jeden Einzelnen erst nach Transponderimpuls an der Startlinie zu laufen (Nettozeit).

Die Startverzerrung hat zur Folge, dass sich das Spitzenfeld schon kurz vom 32 km entfernten Kühtai-Einstieg befindet, während zur selben Zeit die Schlussfahrer auf den Weg machen. Allmählich beschleunigt das Feld wie an einer Perlenschnur aufgereiht auf 50, 60, 70 und mehr Stundenkilometer. 

Freunde, Familien - ja das halbe Dorf ist auf Achse, um die Sportler klatschend zu verabschieden. 

In ICE – Manier bahnt sich das geschlossene Feld - häufig illuminiert von Nebelschwaden - im diffusen Dämmerungslicht den Weg durch das verschlafene Ötztal. Nur das Rauschen der wilden Ötztaler Ache - einer der wasserreichsten Nebenflüsse des Inns – übertönt das Tret- Roll- und Windgeräusch des Radlertrosses. Trotz Gefälle geht der Muskeltonus sehr schnell in Betriebstemperatur über.

Angeführt von Organisations- und Rennleiterfahrzeugen fliegt das kompakte Fahrerfeld auf gesamter Straßenbreite wie auf einer Achterbahn durch das Kurvengeschlängel des beengten Taleinschnitts. Ideal, die Muskulatur nach der Wartezeit am Start auf Betriebstemperatur zu bringen. Trotz hektischem Gewusel heißt es auf der schlängelnden Abfahrt nach Ötz (600 hm Gefälle) Ruhe und Übersicht zu wahren, ständig bremsbereit zu sein, schlenkerfrei seine Spur zu halten und sich aus Scharmützeln raus halten. Zwar ist die Bundesstraße bis Ötz für den Straßenverkehr gesperrt und die Startphase durch das Rennleitungsfahrzeug bis Aschbach neutralisiert, dennoch ist höchste Aufmerkamkeit im dichten Fahrerfeld dringend geboten. 

4 000 Fahrer raden im Pulk mit bis zu 80 km/h im Kurvengeschlängel abwärts. Eine Konstelation die diesen Streckenabschnitt zum gefährlichsten des Ötztalers macht. Enge Überholmanöver im dicht gedrängten Starterfeld sind gewöhnungsbedürftig. Unsichere bzw. vorsichtige Fahrer werden auf der kurvigen Abfahrt rigoros durchgereicht. Wer jedoch ohne Rücksicht auf Verluste risikofreudig heikle Positionskämpfe ausficht gefährdet nicht nur sich selbst sondern alle anderen gleich mit. Leider passieren deshalb in diesem Streckenabschnitt häufig Massenstürze.

Kreisverkehre sind zwar mit Hilfe von platzierten Feuerwehrfahrzeugen von weitem sichtbar, dennoch erfordern die Nadelöhre erhöhte Aufmerksamkeit.

Die Überquerung der Ötztaler Ache welche am Talausgang des Ötztals in den Inn mündet.

Es dauert einige Zeit, bis sich die anfängliche Nervosität des Feldes legt und sich alles ein wenig sortiert. Leider lassen manche Egomanen eine gewisse sportliche Fairness missen und riskieren auf Teufel komm raus Kopf und Kragen weil sie irrtümlich meinen das Rennen auf den ersten Metern entscheiden zu können.

Obwohl die Startphase neutralisiert ist und die Organsatoren gebetsmühlenartig vor der gefährlichen Abfahrtsstrecke im dichten Gedränge warnen, kommt es meist wegen rücksichtslosem Fahrverhalten häufig zu Unfällen. Risikofreude schön und gut, wer aber seine bzw. die Gesundheit anderer aufs Spiel setzt da hört der Spaß wirklich auf.  

Der kilometerlange Schwarm rauscht die 38 km nach Ötz jenseits der Durchschnittsgeschwindigkeit von 50 km/h. Ab Huben weitet sich das Ötztal und das Gefälle geht sanft in Flachetappen über. Nachdem die Gemeindeorte Längenfeld (1.180 m.ü.M.) und Umhausen (1.039 m.ü.M.) durchquert sind, endet nach dem Kreisverkehr in Ötz (820 m.ü.M.) die Windschattenfahrt an einer steilen Wand. Dank 50 km/h - Schnitt erreichen die ersten „Tiefflieger“ bereits nach 32 min. den Kreisel wo in die Kühtai-Passstraße abgebogen wird.

Gefahrenstellen

1 Tunnel, 2 Kreisverkehrsinseln, 10 Fahrbahnteiler

Zwei übereinander geschachtelte Kehren erlauben einen grandiosen Ausblick auf das Fahrerfeld. 

Frühmorgens windet sich der endlos lange Radlerpulk durch das verschlafene Ötztal.