WKT300 - Gelungene Radsport-Premiere

Vor dem Start erläuterten Christian Spicker, 1. Vorstand sowie Organisationsleiter Marc Schwagerus vor dem Hotel am Gärnterplatz in Neutraubling letzte Details zum Ablauf der Veranstaltung. 

Streckenverlauf

Start: Hotel am Gärtnerplatz in Neutraubling → Obertraubling → Hohengebraching → Pentling → Sinzinger Eisenbahnbrücke (Donauquerung) → Deuerling → Painten → Prunn → Riedenburg → Dietfurt → Altmannstetten → Pförring (Donauquerung) → Rohr → Rottenburg a.d.Laaber → Pfeffenhausen → Ergoldsbach → Mallersdorf → Geiselhöring → Donauquerung nahe Straubing → Kößnach → Kirchroth → Oberzeitldorn → Hofdorf → Wörth a.d.Donau → Wiesent → Bach a.d.Donau → Donaustauf (Donauquerung) → Barbing → Ziel: Hotel am Gärtnerplatz in Neutraubling

Foto v.l.: Curd Biedermann, Armin Wolf, Marc Schwagerus

Schirmherr Armin Wolf - gemeinhin als mediale "Sportstimme Ostbayerns" bekannt - ließ es sich trotz bevorstehenden Urlaubsantritts nicht nehmen an die Sportler einige Grußworte zu richten, bevor das illustre Starterfeld punkt 6.00 Uhr Fahrt aufnahm. Zu diesem Zeitpunkt war natürlich jedem bewusst, welch immense Herausforderung die Protagonisten erwartete, um gemeinsam mit Muskelpower und eiserner Willensstärke 300 Kilometer durch sechs Landkreise (Oberpfalz, Niederbayern, Oberbayern) zu pflügen.

Foto: im Gänsemarsch über die schmale Sinzinger Eisenbahnbrücke, die derzeit für Radfahrer/Fußgänger großzügig umgebaut wird. 

Das lateinische Sprichwort aurora musis amica - zu deutsch Morgenstund hat Gold im Mund - dürfte jeder kennen. In dieser Hinsicht profitierten die WKT300-Teilnehmer in besonderem Maß, weil an Mariä Himmelfahrt um diese Uhrzeit verkehrsmäßig tote Hose herrscht. So rauschte der dicht gedrängte Pulk bei Sonnenaufgang - umhüllt von einer schimmernden Licht- und Schattensilhouette - allein auf weiter Flur durch die schlafende Landschaft in der Ferienregion Regensburg. Windgesäusel, sonores Kettensurren, Schaltungsklackern und das Palaver der Teilnehmer vermengte sich mit dem Vogelgezwitscher und Blätterrauschen zu einem einzigartigen Soundtrack. Da lag die Schlussfolgerung einer träumerisch-entspannten Kaffeefahrt zwar nahe, doch die Pulsfrequenz signalisierte das Gegenteil. Angesichts der enormen Streckenlänge - garniert mit zahlreichen Anstiegen - war von vorherein klar, dass die Streckendimension eine gute Form mit ausgezeichneten konditionellen Fähigkeiten abverlangt. 

Nahezu verkehrsfreie Straßen durch eine anmutende Naturlandschaft - ein wahres Eldorado für passionierte Radsportler. Entlang am Donauufer, durchs Schwarze Labertal, den Paintner Forst, das Altmühltal, der Hallertau und der Gäubodenebene sorgte quer durch die Landkreise Regensburg, Neumarkt i.d.OPf., Kelheim, Eichstätt, Pfaffenhofen a.d.Ilm und Straubing-Bogen für reizvolle Abwechslung.  

Behütet im Windschatten in Zweierreihe sorgten Small Talks für gute Stimmung. Dabei liegt es in der Natur der Sache, dass an Steigungen äquivalent zur Pulsfrequenz notgedrungen der Gesprächsgeräuschpegel verstummt, nur um auf Flachpassagen auf’s Neue zu entflammen. Wer bislang noch nie im geschlossenen Verband gefahren ist, war über das angenehme Fahrgefühl überrascht.

 Kraftschonende Fahrweise im geschlossenen Verband

Das entscheidende Kriterium bei Fahrten im geschlossenen Verband ist die Eliminierung des Wettbewerbsdrucks, bei dem sich ansonsten Fahrer gegenseitig zu Spitzenleistungen anstacheln. Nicht auf Teufel komm raus ballern ist die Devise, sondern wegen des fehlenden Renncharakters ist vielmehr gleichmäßig zügiges Fahren unter Ausnutzung des Windschattens das Gebot der Stunde, das die Wahrnehmung des landschaftlichen Umfelds noch erlaubt. Anstatt eine ambitionierte Challenge auf eigene Rechnung auszutragen, zählt die (von Guides) vorgegebene Geschwindigkeit - einschl. moderat gefahrener Kletterpartien - zum Wesensmerkmal dieser speziellen Fahrweise, um in einer bestimmten Zielzeit gemeinsam anzukommen. Das ausgefallene Format bietet dem Hobby-Radsportler die seltene Gelegenheit seine Rennrad-Leidenschaft in einer außergewöhnlichen Art auszuleben, die von Fahrspaß, Geselligkeit, Genuss und harmonischem Gemeinschaftsgefühl geprägt ist. Bedingt durch hohe Windschattenanteile - unter Vermeidung größerer Geschwindigkeitsschwankungen bzw. laktatfördernden Tempoverschärfungen - hält sich die körperliche und mentale Belastung unterhalb der anaeroben Schwelle trotz enormer Streckendimension in Grenzen. Unter diesen Gesichtspunkten erweitert sich der Kreis derer, die eine 300 Kilometer Distanz erfolgreich bestreiten können nicht unerheblich.

Nichtsdestotrotz stellt die Langstreckendistanz eine Mammutanforderung dar, die selbstredend nach einer guten Form und exzellenter Kraftausdauer verlangt. Um dem gefürchteten Besenwagen-Shuttle zu entgehen, bedarf es im Vorfeld daher einer wohlüberlegten selbstkritischen Leistungseinschätzung. Ob bzw. inwieweit man leistungsmäßig in der Lage den Anforderungen der WKT300 gerecht zu werden hilft eine Faustregel: wurden bereits mehrere Marathons (> 200 km) mit einem höhenmeterabhängigen Stundenmittel ≈ 30 km/h erfolgreich bestritten ohne gleich am Zahnfleisch daher zu kommen, der darf sich ruhigen Gewissens ermutigt fühlen, die ehrfurchtsvolle "Dreihunderter-Prestige-Hürde" zu meistern.

Die Fahrweise im geschlossenen Verband ist ein stückweit mit der von Randonneuren (franz. Rad-Wanderer) vergleichbar, die große Distanzen in einem kontinuierlich gleichbleibenden Belastungsbereich zurücklegen. Ein WKT300-Teilnehmer trug das begehrte Paris-Brest-Paris-Jersey, deren 20. Jubiläumsausgabe am 20. August 2023 in Rambouillet (F) startet (Teilnehmerlimit 8.000 Starter, Qualifikation erforderlich). Das älteste noch veranstaltete Langstrecken-Radrennen der Welt - welches nur alle vier Jahre stattfindet - führt von Paris zum Atlantik und wieder zurück nach Paris (1200 Kilometer). 

Besonders hervorzuheben ist die umsichtige Fahrweise der Vereinsguides. Penibel wurde auf eine gleichmäßige Leistungsentfaltung im erträglichen Belastungsbereich geachtetet, was angesichts der Mammutdistanz grundsätzlich das A & O ist. Nur so konnte das Peloton kompakt zusammen gehalten werden. Wenngleich an diversen Anstiegen vereinzelte Fahrer reißen ließen, wurden sie von aufmerksamen Guides windschattengeschützt wieder behutsam ans Hauptfeld herangeführt. Dazu sicherten zwei Begleitfahrzeuge und ein Materialwagen das Teilnehmerfeld ab, um im Falle des Falles unverzügliche Hilfe parat zu haben. Trotz üblicher Leistungsspreizung war das Durchschnittstempo eine echte Punktlandung, da die Gesamtstrecke mit einem glatten 30er Schnitt bewältigt wurde. Dank der souveränen Tempomacher an der Spitze des Feldes und der disziplinierten Fahrweise im Peloton blieb man von Stürzen verschont. Freilich braucht es auch einer Portion Glück, damit alles reibungslos über die Bühne geht. So gab es keine technische Defekte, was angesichts der Teilnehmerzahl multipliziert mit der Streckenlänge (6.000 Kilometer) auch keine Selbstverständlichkeit ist. Dazu stand die Veranstaltung sprichwörtlich unter einem strahlenden Stern, weil die Sonne nach 2 Wochen Regenwetter endlich wieder vom Himmel lachte und Petrus bis zur Zielankunft die Schleusen dicht hielt, was der Wettergott zum Leidwesen vieler Outdoorsportler in dieser Saison manchmal sehnlichtst vermissen ließ. 

Der idyllische Streckenabschnitt im Paintner Forst weist zwar nur 2-3% Steigung auf, aber im forcierten Tempo von ca. 30 km/h braucht's schon ein wenig Biss bzw. Schmerztoleranz.

Foto: Verpflegungsstation 1, Töging (KM 75)

"Ohne Mampf kein Kampf". An den drei Verpflegungsstationen in Töging (KM 75), Kirchdorf (KM 150) und Mallersdorf (KM 215) gab es eine reichhaltige Essens- und Getränkeauswahl. Bei 32 Grad war genügend Trinken das oberste Gebot, damit der Motor am Laufen blieb. Schmalzbrot und gesalzte Tomaten & Gurken - verbunden mit einer Prise Salz ins Getränk - pegelte den schweißbedingten Natriumverlust (ursächlich für Muskelkrämpfe) wieder ein.

Foto: Verpflegungsstation 2, Kirchdorf (KM 150)

Foto: "Einflugschneise" zur dritten Verpflegungsstation in Mallersdorf (KM 225)

Verpflegungsstation 3, Mallersdorf (KM 225)

Aufgrund der schwülen Hitze wurde kurzerhand in Wörth a.d.Donau (KM 275) eine Getränke- und Energystation eingerichtet, bevor es das Peloton mit bis zu 40 km/h im flachen Donautal glückbeseelt nochmal richtig krachen ließ. Wie bei Radsport-Events üblich, werden im Schlußabschnitt vor lauter Freude es geschafft zu haben Endorphine freigesetzt, die ein euphorisches Fahrgefühl entfachen. 

First Class Service: kalte Erfrischungsdusche nach schweißtreibender Fahrt ist fraglos die reinste Wohltat.

Das geschlossene Feld jagd über die 542 Meter lange Kagerser Donaubrücke an der Schleuse Straubing Richtung Kirchroth.

Bedrohlich schwarze Wolkenfelder verhießen in der Gäubodenebene Richtung Wörth a.d.Donau nichts Gutes. Doch dieses Mal hielt der Wettergott die Schotten - im Gegensatz zu vorangegangen Radsport-Events in dieser Saison - bis auf wenige Regentropfen dicht. 

Foto: Getränkestation Wörth a.d.Donau (KM 275). Auf den letzten 25 Kilometer bis ins Ziel wurde nochmal kräftig geballert. Da hatten selbst die Guides alle Hände voll zu tun, enteilende Schäfchen einzufangen, sie einzubremsen und ans Regelwerk zu erinnern, damit alle das Ziel wohlbehalten in geschlossener Formation erreichen. Schlussendlich verringert sich nach stundenlanger körperlicher und mentaler Ausdauerbelastung die Konzentations- und Reaktionsfähigkeit, was dementsprechend Fahrfehler verursachen kann, welche das Sturzrisiko maßgeblich erhöht.

Obwohl die Zeit drängte, wurde an der Getränkestation in Formationsaufstellung noch ein schnelles Gruppenfoto geschossen, bevor die ausgemergelten Teilnehmer im forcierten Speed den Sack endgültig zumachten.

 Radfahren im geschlossenen Verband

Eine Gruppe ab 16 Radfahrern kann einen geschlossenen Verband bilden. Für geschlossene Verbände gelten die für den Verkehr bestehenden Regeln und Anordnungen – wobei es einige Ausnahmen und Sonderregelungen gibt.

Gemäß §27 StVO Absatz 1 ist ein Verband dann geschlossen, wenn er für die anderen Verkehrsteilnehmer als solcher deutlich erkennbar ist. Bei geschlossenen Verbänden aus Kraftfahrzeugen muss jedes einzelne Fahrzeug durch beispielsweise Fahnen als zum Verband gehörig gekennzeichnet sein. Bei geschlossenen Verbänden aus Radfahrern gibt es hingegen keine besondere Kennzeichnungspflicht.

Für das Fahren im geschlossenen Verband gelten besondere Vorschriften, die in §27 StVO geregelt sind.

Im Verband sind Radfahrer von der Radwegbenutzungspflicht ausgenommen. Sie dürfen auch dann auf der Straße fahren, wenn es nebenan einen Radweg mit Benutzungspflicht gibt.

Es dürfen jeweils zwei Radfahrer nebeneinander auf der Fahrbahn fahren.

Ein oder mehrere Gruppenmitglieder müssen den Verband führen. Wer die Kolonne anführt, hat dafür zu sorgen, dass sich der Verband an die allgemeinen Verkehrsregeln und die Sonderregelungen hält. Die Kommunikation erfolgt durch Handzeichen.

Besondere Vorschriften gelten hier insbesondere an Ampeln und beim Abbiegen. Fährt ein Teil der Gruppe bei Grün los und die Ampel springt auf Rot, müssen die restlichen Fahrzeuge folgen.

Auch Autofahrer und andere Verkehrsteilnehmer haben die Gruppe als ein Fahrzeug zu betrachten und dementsprechend Rücksicht zu nehmen, insbesondere an Kreuzungen und Einmündungen.

Fazit

Die positiven Rückmeldungen bezogen sich sowohl auf das spezielle Veranstaltungsformat, das sich von herkömmlichen Radtouristikfahrten (RTF) signifikant unterscheidet, als auch auf die reichhaltige Verpflegung sowie die perfekte Orga und Logistik der mobilen Einsatztrupps. Aufgrund der Geschwindigkeitsdrosselung durch das vorgegebene Durchschnittstempo der Pacemaker blieb das Feld im großen und ganzen zusammen. Dazu erleichterte der gleichmäßige Belastungsgrad unter Vermeidung anaerober Belastungsspitzen die Kommunikation, was wiederum das Zusammengehörigkeitsgefühl schürte. Die kameradschaftliche Verbundenheit entlud sich für alle Anwesenden sichtbar bei der Zielankunft, wo sich die Teilnehmer mit überschäumender Freude in den Armen lagen. Schlagartig war die innere Anspannung dem überschäumenden Glücksgefühl gewichen.  

Nicht zu vergessen der wohltätige Zweck, der be­dürf­tigen Menschen zugute kommt sind gab dem Spendenmarathon einen tieferen moralischen Sinn. Beseelt vom Finisherstolz verwunderte es ganz und gar nicht, warum so viele Fahrer trotz Erschöpfung prompt ihre nächste WKT300-Teilnahme bekundeten. Bei soviel Zuspruch ist davon auszugehen, dass die limitierten Startplätze wohl wie warme Semmeln weggehen werden. Wer sein Palmares aufwerten möchte, bekommt am 15. August 2024 (Mariä Himmelfahrt ist in katholischen Städten und Gemeinden Bayerns ein gesetzlicher Feiertag) die nächste Chance - vorausgesetzt der Startplatz ist save. 

Foto: Touguides, 1. Vorstand, Orgaleiter, Öffentlichkeitsbeauftrager und Einsatzkoordinator vom Biketeam Regensburg.

Wer kennt ihn nicht, den inneren Schweinehund, der zerstörerisch die Willenskraft torpediert. Doch die gruppentaugliche Fahrweise degradiert den böswilligen "Psycho-Einflüsterer" zum zahnlosen Tiger. Fakt ist: eine günstigere Gelegenheit, die "Dreihunderter-Prestige-Hürde" zu überspringen gibt es nicht.

Last but not least: besonderer Dank gebührt dem SV Töging, dem SC Kirchdorf und dem TV Mallersdorf, die ihr Sportgelände samt Sanitäranlagen bereitwillig zur Verfügung stellten.  

Die Belohnung für die vollbrachte Leistung ließ nicht lange auf sich warten. Will heißen, dass das Beste zum Schluß kam. Zum Grand Finale brillierte das Hotel am Gärtnerplatz in Neutraubling mit schmackhaftem Nudelbuffett und hausgemachten Saucen. 

Sponsoren

  • SGB-SMIT GROUP (Trafospezialist)  
  • owayo GmbH (Sportbekleidungshersteller)
  • Zweiradcenter Stadler
  • Brauerei Bischofshof GmbH & Co. KG 

Nachdem das Finish unter Dach und Fach und das prestigeträchtige Finishertrikot übergestreift war trieb so manchen Teilnehmer die Frage um, ob es denn eine weitere WKT300 - Ausgabe geben würde? Fest steht: angesichts der erfolgreichen Premiere findet die Neuauflage am Donnerstag den 15.08.2024 statt! 

Das Biketeam Regensburg e.V. wird in der Nachbesprechung die Köpfe zusammen stecken und anhand der gesammelten Erkenntnisse neue Ideen beratschlagen bzw. an Optimierungen feilen. Dazu gehört auch, eine neue attraktive Streckenführung auszuarbeiten, an deren abwechslungreicher Vielfalt es in unseren heimatlichen Gefilden bekanntlich nicht mangelt. Es bleibt also spannend, welches Streckenmenü die "Biketeam-Köche" ihren Gästen nächstes Jahr auftischen wird:-)